Prozess

Geständnis im Mordfall Nemzow

Vier Verdächtige aus dem Kaukasus sitzen in Haft. Zwei von ihnen bekennen sich schuldig. Kremlgegner haben aber Zweifel

Es ist ungewöhnlich in Russland, dass der Chef des Geheimdienstes FSB persönlich über den Ablauf von Ermittlungen spricht. Doch im Fall des Mordes an dem Oppositionellen Boris Nemzow war es ausgerechnet Alexander Bortnikow, der FSB-Leiter, der am Sonnabend im Staatsfernsehen erklärte: Zwei Verdächtigte sind festgenommen worden. Er nannte gleich die Namen der beiden Männer, Saur Dadajew und Ansor Gubaschew.

Später am Abend gab der Sicherheitsrat der nordkaukasischen Teilrepublik Inguschentien bekannt, dass der Bruder von Gubaschew, Schachid Gubaschew, und ein weiterer Mann ebenfalls festgenommen wurden. Am Sonntag teilte die russische Agentur Interfax mit, dass ein fünfter Verdächtige in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny ums Leben gekommen sei. Die Polizei habe versucht, ihn in seiner Wohnung festzunehmen, da habe er eine Granate auf die Polizisten geworfen und sich mit einer zweiten Granate selbst in die Luft gesprengt.

Ungewöhnlicher Hintergrund

Saur Dadajew und die Brüder Gubaschew wurden in der nordkaukasischen Republik Inguschetien vom Geheimdienst und der Polizei festgenommen. Sie kommen aus tschetschenischen Familien, die in Inguschetien lebten. Die festgenommenen Männer, die alle um die 30 Jahre alt sind, lebten aber schon mehr als zehn Jahre nicht in Inguschetien. Am ungewöhnlichsten ist der Hintergrund von Saur Dadajew. Er war der stellvertretende Kommandeur des tschetschenischen Bataillons „Sewer“ („Nord“). Das bestätigte der Chef des inguschetischen Sicherheitsrates gegenüber russischen Medien. Der Bataillon „Sewer“ ist eine Spezialeinheit des tschetschenischen Innenministeriums. Es wurde 2006 in der Teilrepublik gegründet und ursprünglich aus ehemaligen tschetschenischen Rebellen zusammengesetzt. Das Bataillon ist in Grosny stationiert und nimmt Funktionen einer Polizeieinheit wahr.

Ein russischer Richter am Moskauer Basmanny-Gericht gab dann am Sonntag bekannt, dass Saur Dadajew zugegeben habe, in den Mord an Nemzow verwickelt gewesen zu sein. Er habe sich schuldig erklärt und seine Beteiligung an der Tat gestanden.

Die Brüder Gubaschew sind Cousins von Saur Dadajew. Ansor Gubaschew arbeitete in Moskau bei einer Sicherheitsfirma. Sein Bruder Schachid lebte ebenfalls in Moskau und arbeitete als Lkw-Fahrer. Die Kreml-treue Boulevard-Nachrichtenseite Lifenews veröffentlichte ein Video von der angeblichen Durchsuchung des Hauses östlich von Moskau, in dem die beiden Brüder wohnten. Es zeigt durchwühlte Schränke, Sportgeräte in der Ecke eines Zimmers, Pulverkaffee, Kekse und Bonbons auf dem Tisch im Wohnzimmer. Die Seite veröffentlichte auch ein Bild, das angeblich die Brüder zeigt: zwei Männer mit dunklen Haaren und Bärten, die fast gleich aussehende schwarze Jacken und Jeans tragen und in einer Art Höhle hocken. Über die anderen Festgenommen wurde zunächst nichts Näheres bekannt.

Der Sprecher der russischen Ermittlungsbehörde erklärte, die festgenommenen Saur Dadajew und Ansor Gubaschew würden verdächtigt, den Mord an Boris Nemzow organisiert und ausgeführt zu haben. Die russische Zeitung „Kommersant“ schrieb, dass die Festgenommenen angeblich bereits ihre Schuld eingestanden hätten. Die Aufnahmen von Überwachungskameras und Daten über Mobilfunkverbindungen sollen demnach geholfen haben, die Verdächtigen zu finden. Außerdem gebe es neue Zeugen, die den Mord gesehen haben sollen, schreibt „Kommersant“. Das seien „Mitarbeiter von Rechtsschutzbehörden“, die „zufällig“ in der Nähe des Tatorts gewesen seien. Angenommen, dass Nemzow wie alle Oppositionsanführer überwacht wurde, könnten seine Beschatter die Beobachter gewesen sein, wenn die Informationen von „Kommersant“ stimmen.

Dennoch sei es zu früh, von einem Durchbruch bei den Ermittlungen zu sprechen, warnten Beobachter. „Wir hoffen, dass Menschen festgenommen wurden, die tatsächlich etwas mit dem Mord zu tun haben, dass dies kein Fehler ist, sondern das Ergebnis einer guten Arbeit der Sicherheitsorgane“, sagte der Oppositionelle Ilja Jaschin. Die Hintermänner der Tat müssten gefunden werden. Schanna Nemzowa, die Tochter des ermordeten Politikers, warf dem Kreml eine direkte Verwicklung in den Fall vor. „Er wurde umgebracht, weil er gegen den Kreml war“, sagte sie der „Bild am Sonntag“. An eine Aufklärung des Falls glaubt sie nicht: „Irgendjemand wird bestraft werden, aber nicht der wirklich Schuldige.“ Präsident Putin hatte den Mord als Provokation verurteilt.

Der 55-jährige Nemzow, einst Vizeregierungschef unter Präsident Boris Jelzin, war einer der schärfsten Kritiker von Präsident Wladimir Putin. Bereits kurz nach dem Mord in der Nacht zum 28. Februar in Sichtweite der roten Kremlmauer gingen die Ermittler von einem politisch motivierten Auftragsmord aus. Oppositionelle vermuten die Drahtzieher im direkten Umfeld des Kremls.

Ein sehr lauter Mord

Fassungslosigkeit herrscht weiter auf der Brücke beim Kreml, wo Nemzow erschossen worden war. Noch immer pilgern täglich Moskauer zum Tatort. Manche bekreuzigen sich, andere legen frische Blumen auf den Berg der alten Blumensträuße, die Trauernde in den vergangenen Tagen mitgebracht hatten. Eine von ihnen ist Lena, 35. „Es war ein sehr lauter Mord, der viel Aufmerksamkeit erregt hat“, sagt sie. Bei der Arbeit werde noch immer viel darüber gesprochen. „Es ist eine menschliche Anteilnahme an einem schlimmen Verbrechen“, sagt sie zur Trauerstimmung in Moskau.

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