Ermittlungen

Fluchtauto führt Ermittler auf die Spur

Drei Verdächtige im Mordfall Nemzow gefasst. Die Verbindungen weisen in den Nordkaukasus, doch die Opposition bleibt skeptisch

Es herrscht noch immer Fassungslosigkeit auf der Brücke beim Kreml in Moskau, wo der russische Oppositionelle Boris Nemzow erschossen wurde. „Satschem?“ – Weshalb? – steht auf einem Zettel am Blumenberg, der eine Woche nach dem Mord den Schock der Menschen wegen der Bluttat ausdrückt. Erste Antworten könnten sich durch die Festnahme von drei Verdächtigen ergeben, die in der Nacht zum Sonnabend gefasst wurden. Das kremlnahe Staatsfernsehen sprach von einer „heißen Spur“.

Wegbegleiter Nemzows reagierten zurückhaltend. „Wir hoffen, dass Menschen festgenommen wurden, die tatsächlich etwas mit dem Mord zu tun haben, dass dies kein Fehler ist, sondern das Ergebnis einer guten und qualitativen Arbeit der Sicherheitsorgane“, sagte der Oppositionspolitiker Ilja Jaschin. Sollte der Schütze unter den Verdächtigen sein, müssten aber auch die Hintermänner gefunden werden, forderte er.

Bilder der Überwachungskameras

Nach den Worten des Chefs des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, Alexander Bortnikow, sind die drei „verdächtig, dieses Verbrechen verübt zu haben“. Die Brüder Ansor und Schagid Gubaschew sowie Saur Dadajew stammen aus dem Nordkaukasus. Präsident Wladimir Putin sei informiert worden. „Die operativen und notwendigen Ermittlungen dauern an“, so der FSB-Chef. Aus Ermittlerkreisen verlautete, das mutmaßlich bei der Tat genutzte Fluchtauto sei relativ schnell gefunden worden. Spuren in dem Fahrzeug hätten bei der Suche nach den Verdächtigen geholfen. Zudem hätten die Ermittler aus dem Bildmaterial der Überwachungskameras in der Nähe des Tatorts scharfe Fotos filtern können. Dennoch sei es zu früh, von einem Durchbruch in dem Mordfall zu sprechen, hieß es. Über eine mögliche Untersuchungshaft solle an diesem Sonntag oder in dieser Woche entschieden werden.

Ein Unbekannter hatte den 55-jährigen Nemzow, einen der schärfsten Kritiker von Putin, in der Nacht zum 28. Februar auf offener Straße in Sichtweite der roten Kremlmauer erschossen. Wegen der großen internationalen Aufmerksamkeit in dem Fall stehen die Ermittler unter Druck, schnell Ergebnisse zu präsentieren. Mit der Festnahme von Verdächtigen aus dem Kaukasus gelang ihnen ein erster Coup. Denn nach den früheren politischen Morden, etwa an der Journalistin Anna Politkowskaja 2006, hatten Kritiker moniert, dass die Hintermänner nie identifiziert oder verfolgt wurden. In diesem Fall hatten die russischen Behörden einen Mann aus Tschetschenien als Täter benannt. Auch diese Region liegt im Nordkaukasus. Islamisten kämpfen dort um Unabhängigkeit.

Damit könnte sich die Theorie der Behörden erhärten, wonach ein islamischextremistischer Hintergrund bei der Tat nicht ausgeschlossen ist. Im russischen Nordkaukasus kämpfen Islamisten seit Jahren mit Terroranschlägen für die Gründung eines unabhängigen Kalifats. Nemzow soll Berichten zufolge Drohungen erhalten haben, weil er sich nach dem Anschlag auf die Pariser Satirezeitung „Charlie Hebdo“ im Januar solidarisch mit den Opfern gezeigt hatte. Auch eine nationalistisch motivierte Tat hält die Polizei für möglich. Andere vermuten eine Verbindung zum Ukrainekonflikt. Nemzow war ein scharfer Kritiker der russischen Ukrainepolitik. Nach Informationen der Opposition arbeitete er an einem Enthüllungsbericht über Russlands Unterstützung für moskautreue Separatisten im Donbass.

Kritiker glauben indes nicht an diese Versionen der Behörden. Sie vermuten die Hintermänner des Verbrechens im Umfeld des Kremls. Dahinter steht die These, dass Nemzow getötet wurde, um die prowestliche Opposition zu schwächen. Die „kaukasische Spur“ der Ermittler sehen Nemzows frühere Weggefährten mit Skepsis. „Offen gesagt, der Ablauf der Ermittlungen gibt keinen Anlass zu Optimismus“, sagt der Oppositionspolitiker Ilja Jaschin.

Vor überstürzten Schlüssen warnt auch der Politologe Alexej Makarkin. „Allein ein kaukasischer Name der Verdächtigen sagt noch gar nichts aus“, sagte der Experte vom Moskauer Zentrum für Polittechnologie. „Von effektiven Ermittlungen kann erst gesprochen werden, wenn nicht nur klar ist, wer geschossen hat, (…) sondern auch, wer weshalb all das organisiert hat“, sagte Makarkin der Agentur Interfax. Auch der Vorsitzende des Menschenrechtsrates beim Kreml, Michail Fedotow, forderte, die Auftraggeber des „unverschämten und zynischen“ Mordes zu suchen.

Menschen strömen zum Tatort

Wie tief die Trauer um Nemzow mehr als eine Woche nach dessen Tod sitzt, spüren Besucher am Ort des Verbrechens. Noch immer pilgern täglich zahlreiche Moskauer zu der Brücke über der Moskwa beim Kreml. Manche bekreuzigen sich, andere legen frische Blumen auf den Berg der alten Blumensträuße, die Trauernde in den vergangenen Tagen mitgebracht hatten.

Eine von ihnen ist Lena, 35. „Es war ein sehr lauter Mord, der viel Aufmerksamkeit erregt hat“, sagt sie ergriffen. Bei der Arbeit werde noch immer viel darüber gesprochen. Zugleich versteht sie das große Gewicht nicht, das der Fall in der Berichterstattung westlicher Medien hat „Nemzow hatte seine große Zeit vor Jahren, zuletzt spielte er in der russischen Öffentlichkeit eine eher unbedeutende Rolle“, sagt sie. Dennoch strömen die Menschen weiter zum Tatort. „Es ist eine menschliche Anteilnahme an einem schlimmen Verbrechen“, so die 35-Jährige.