Kommentar

Alles gut? Nein!

Susanne Leinemann über den Internationalen Frauentag

Herzlichen Glückwunsch, liebe Damen! Heute ist Internationaler Frauentag. Im Osten der Stadt wurde dieser Tag immer groß gefeiert, aber für Westfrauen, die mit dem Muttertag aufgewachsen sind, ist er ein wenig befremdlich. Brauchen wir einen Weltfrauentag? In Deutschland? Mehr Mädchen als Jungs machen hier Abitur, der Frauenanteil an unseren Universitäten liegt bei über 50 Prozent. In der Kinderbetreuung hat sich viel getan, dank der Elternzeit wurden sogar Väter mit Babys gesichtet und zu guter Letzt wurde jetzt die Quote für die Besetzung von Vorständen beschlossen. Gut, nur 30 Prozent, manche meint, sie hätte höher ausfallen können. Aber die Tendenz stimmt. Zwar liegen die Gehälter von Frauen hierzulande deutlich unter denen von Männern. Doch eine neue Generation von Frauen wächst heran, mit neuem Selbstbewusstsein. Also alles gut? Nein!

Denn außerhalb von Deutschland, in der weiten Welt, geht es Frauen so schlecht wie lange nicht mehr. Religion zwingt Frauen in vielen Ländern, immer unsichtbarer zu werden. Unter Kopftüchern, Perücken, knöchellangen Gewändern, ja sogar Burkas zu verschwinden. In den orthodoxen Stadtteilen Jerusalems müssen Frauen hinten im Bus sitzen, in viel zu vielen islamischen Ländern macht sie die Scharia rechtlos. Als Frau allein in Teheran Taxi fahren? Ein Wahnsinn, sexuelle Belästigung ist fast garantiert. Aus Indien hören wir fast wöchentlich, welche massive Gewalt Frauen erleiden müssen. In einem Land, dessen weibliche Bevölkerung stetig schrumpft. Denn in Indien werden Mädchen massiv abgetrieben – genauso wie in China. Ein männliches Baby bringt einfach viel mehr Ansehen.

Alles weit weg? Als ich vor Jahren schwanger war, schickte mich meine Ärztin nach Neukölln zur Feindiagnostik. Prüfen, ob mit dem Embryo alles ok ist. Ein toller Apparat, er warf ein goldgelbes Bild vom Ungeborenen an die Wand. Welches Geschlecht mein Kind denn haben werde, fragte ich den Arzt. Der druckste herum. Bei mir sei das sicherlich kein Problem, sagte er, aber in der Praxis gebe es eine klare Regel: erst nach der 23. Schwangerschaftswoche verrate man das Geschlecht, weil dann keine Spätabtreibung mehr möglich sei. Er entschuldigte sich und meinte, sie hätten halt so ihre Erfahrung gemacht. Er wollte das Ungeborene schützen – es ist übrigens ein Mädchen geworden. Das war vor zwölf Jahren, in dieser Stadt, in Berlin. Seitdem ist die Welt für Mädchen und Frauen nicht besser geworden.