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„Die Kanzlerkandidatur war ein Fehler“

Der Ex-SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück kritisiert sich – und die große Koalition

Für das Berliner Ensemble, das Theater Bertolt Brechts am Berliner Schiffbauerdamm, hat sich Peer Steinbrück entschieden. Hier will der frühere NRW-Ministerpräsident, ehemalige Finanzminister, erfolglose SPD-Kanzlerkandidat und heutige einfache Bundestagsabgeordnete am kommenden Dienstagabend sein neues Buch vorstellen. „Vertagte Zukunft“, heißt das Werk, es erscheint im Verlag Hoffmann und Campe, just dort also, wo Steinbrück einst den Weg bahnte zu seiner Kanzlerkandidatur für die Bundestagswahl 2013.

Stimmung falsch eingeschätzt

Die Vorpremiere zu dem Stück, das der 68-Jährige am Dienstag im BE aufführen wird, präsentiert er im aktuellen „Spiegel“. Die Kanzlerkandidatur nennt er einen Fehler, „und zwar meiner“, und konstatiert „eine ausgeprägte Selbsttäuschung“, unter anderem „bezogen auf meine eigenen Vorteile oder Nachteile gegenüber Frau Merkel“. Die Stimmung in Deutschland habe er falsch eingeschätzt („Ich war etwas blind“). Außerdem habe er die Frage unterschätzt, wie sehr es ihm „als nicht unbedingter Messdiener parteipolitischer Wahrheiten“ gelingen kann, mit der SPD einen Wahlkampf erfolgreich zu gestalten. Der Reiz des Kandidaten Steinbrück für Bürger außerhalb der SPD-Stammklientel war verschwunden, weil Steinbrück bei seiner Ausrufung zwar eine gewisse politische „Beinfreiheit“ verlangt, aber anschließend nie beansprucht hatte. Das lag unter anderem an diversen Vortragshonoraren und einer kruden Kommunikation.

Steinbrück, der Kritiker aller Rituale, wies diese Vorwürfe während des Wahlkampfes ritualisiert zurück. „Als es keine rechtzeitige Sprachregelung zu meinen Vortragshonoraren gab ... war ich ein Gefangener, und meine Parteifreunde waren nervös“, sagt er nun: „Ich musste an die SPD heranrücken, und plötzlich war Steinbrück nicht mehr Steinbrück.“ Damit sei die Chance verloren gegangen, „in andere Wählermilieus vorzudringen“. Man hat selten so ehrliche Selbstkritik gelesen.

Von einer „gewissen Koketterie“ mit Blick auf die Kandidatur spricht Steinbrück. Bestseller-Autor und populärer Politiker war der Hinterbänkler Steinbrück in der Zeit, in der die SPD nach 2009 in der Opposition darbte. „Ich stand plötzlich in der Politikerbundesliga oben“, durchaus beeindruckt war er davon. „Allen, die in eine solche Lage kommen sollten, rate ich: Geht damit vorsichtig um“, sagt der einst hoch beliebte und dann tief gefallene Steinbrück.

Mit seiner Partei, die während des Wahlkampfes 2013 disziplinierter und rationaler agierte als der Kandidat, geht Steinbrück recht freundlich um. Gleichwohl rät er der SPD, die Wahlniederlagen von 2009 und 2013 – 23 beziehungsweise 25,7 Prozent! – aufzuarbeiten. Für eine grundsätzliche Analyse fehle die Muße, klagt er. Er zeigte sich aber skeptisch, ob es dazu kommt: „Ich fürchte, dass sie ohne Aufarbeitung beider Niederlagen in die Wahl von 2017 gehen könnte.“

Ein Problem der SPD sah Steinbrück darin, dass viele Bürger „in Ruhe gelassen werden, schon gar nicht provoziert werden wollten“ (schon gar nicht durch einen ausgestreckten Mittelfinger auf einem Magazincover). „Frau Merkel als die Mutter aller deutschen Porzellankisten traf genau diese Stimmungslage der Republik“, blickt Steinbrück zurück – und womöglich auch voraus. Sollte sich daran für die Wahl 2017 etwas Grundlegendes ändern?

„Unzureichend“ nennt er die digitale Agenda der großen Koalition. Beim Erneuerbaren-Energie-Gesetz reiche keine Neujustierung. Rente mit 63 und Mütterrente will Steinbrück zwei Jahre lang aussetzen („dann stünden 17 Milliarden Euro für Investitionen zur Verfügung“). Sigmar Gabriel wird begeistert sein.