Literatur

Klassentreffen der 89er

Thomas de Maizière und Horst Köhler stellen neues Buch zur Einheit vor

Es gibt die 45er, also die Menschen, die vom Ende des Zweiten Weltkriegs und der Stunde Null geprägt wurden. Es gibt die 68er, also die Menschen, die von der Studentenrevolte beeinflusst wurden. Und, so sagt es Thomas de Maizière, es gibt die 89er – also die Menschen, die den Fall der Mauer und den Weg zur Einheit erlebt und mitgestaltet haben. De Maizière wirkt dann auch ein wenig sentimental, als er von dem „unsichtbaren Band zwischen uns“ spricht. „Das ist eine sehr schöne, menschliche Erfahrung in der Politik gewesen“, sagt er.

Die Vorstellung von Johannes Ludewigs Buch „Unternehmen Wiedervereinigung“ ist dann auch so etwas wie ein Klassentreffen der 89er. Ludewig war damals Referatsleiter im Kanzleramt. Neben Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU), damals Berater seines Cousins Lothar de Maizière, dem ersten frei gewählten Ministerpräsidenten der DDR, sind unter anderem auch gekommen: Altbundespräsident Horst Köhler, damals Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. Thilo Sarrazin (SPD), damals Referatsleiter im Bundesfinanzministerium, später Berliner Finanzsenator und Bestsellerautor. Und Günther Krause(CDU), der als Parlamentarischer Staatssekretär der DDR mit Ludewig unter anderem die Währungsunion verhandelte.

Ludewig, geboren 1945 in Hamburg, war damals zuständig für den Aufbau Ost sowie die Wirtschafts- und Währungsunion. 1997 übernahm er für zwei Jahre den Posten des Bahn-Chefs, seit 2006 ist er Vorsitzender des Normenkontrollrats im Kanzleramt.

Ludewigs Buch ist etwas unkonventionell, erzählt immer wieder aus der menschlichen Perspektive. Ludewig widmet Günther Krause sogar ein Kapitel. Auch bei der Buchvorstellung lobt er immer wieder die Flexibilität der Ostdeutschen – vor allem aber die der Betriebsräte, die oftmals mitgemacht hätten, wenn es darum ging, das Unternehmen für den Weltmarkt flottzumachen.

Und weil der Mauerfall ja schon mehr als 25 Jahre her ist, verfallen die 89er in einer gewissen Lockerheit. So charakterisiert de Maizière Ludewig als „forschen, drängenden, ungeduldigen, manchmal auch ruppigen Menschen“. 89/90 sei dieser Tonfall allerdings manchmal „sehr wichtig und sehr richtig“ gewesen. Ludewig bestätigt das eher emotionslos: Die Apparate seien halt oft „wahnsinnig schwerfällig“. Soll heißen: Damit was läuft, muss man ordentlich Dampf machen.

Oft eilen die Menschen nach politischen Diskussionen zum nächsten Termin, doch am Dienstag bleiben viele 89er nach der Buchvorstellung in der Landesvertretung von Sachsen-Anhalt. Sie verabreden sich zum Essen oder sagen typische Klassentreffen-Sätze wie: „Wir müssen uns mal wiedersehen.“ Und Dorothea Ludewig, Frau des Autors, drückt Horst Köhler und sagt: „Und grüß Eva, umarm sie von mir.“

Johannes Ludewig: Unternehmen Wiedervereinigung. Von Planern, Machern, Visionären. Osburg Verlag, 288 Seiten, 22,00 Euro.