Kommentar

Am besten ist ein klares Wort

Rainer Haubrich über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz

Zwei Jahre ist es her, seit Deutschland darüber diskutierte, welche Art von Komplimenten ein erfahrener Politiker einer jungen Journalistin abends an der Bar machen darf. Die Debatte war nicht verkehrt, auch wenn man den Anlass als lächerlich bezeichnen muss. Selbst den Bundespräsidenten drängte es zu der Bemerkung, wenn so ein „Tugendfuror“ herrsche, sei er „weniger moralisch, als man es von mir als ehemaligem Pfarrer vielleicht erwarten würde“. Ein „besonders gravierendes, flächendeckendes Fehlverhalten von Männern gegenüber Frauen“ hierzulande könne er nicht erkennen. Womit Joachim Gauck sein Gespür dafür bewies, welchen Themen man lieber mit robustem Menschenverstand begegnet als mit Ideologie.

Aber ein Land hat sich längst die entsprechenden Institutionen geschaffen. Seit 2006 gibt es die „Antidiskriminierungsstelle des Bundes“, die uns jetzt mit einer Umfrage zu sexueller Belästigung am Arbeitsplatz wieder ihre Existenz in Erinnerung ruft. Die Ergebnisse widersprechen vielen landläufigen Vorstellungen. Was verbale Anzüglichkeiten über ihr Aussehen betrifft, sind nämlich häufiger Männer die „Opfer“ als Frauen. Weibliche Angestellte hingegen klagen mehr über unerwünschte körperliche Annäherungen. Und auch die Vorstellung vom übergriffigen Chef wird von der Umfrage zum Teil als Klischee entlarvt: 65 Prozent der Frauen und 80 Prozent der Männer geben an, dass die Belästigung von Kollegen der gleichen Hierarchiestufe ausgeht.

Ein Luxusproblem? Auch in freiheitlichen Gesellschaften gibt es immer etwas zu verbessern, das macht sie so leistungsfähig und so attraktiv. Aber es kann nicht schaden, sich in Erinnerung zu rufen, auf welchem Niveau wir ein Thema wie sexuelle Belästigung diskutieren – angesichts so vieler Länder weltweit, in denen ein traditioneller Alltagsmachismo herrscht, wo es Zwangsheiraten gibt, gesellschaftlich geduldete sexuelle Gewalt oder Rechtlosigkeit.

Eine Arbeitswelt, aus der jeder Flirt, jede erotische Spannung vollständig verbannt ist, sollte sich niemand wünschen. Nicht jede Anzüglichkeit ist eine sexuelle Belästigung, nicht jede Avance ein Übergriff. Für die Grenze dazwischen gilt das berühmte Verdikt eines amerikanischen Obersten Richters in der Frage, ab wann Erotik in Pornographie übergehe: „I know it when I see it.“ Man weiß es, wenn man es sieht. Und dann hilft am besten ein klares Wort, eine beherzte Geste oder eine Beschwerde. So viel Mumm sollte heute jeder aufbringen können – Männer wie Frauen gleichermaßen.