Russland

Nemzows Freundin darf zurück in die Ukraine

Wohnung des Kremlkritikers nach dem Mord durchsucht

Die Lebensgefährtin des ermordeten russischen Oppositionellen Boris Nemzow ist in die Ukraine zurückgekehrt. Kurz nach Mitternacht flog Anna Durizkaja am Dienstagmorgen nach Kiew, wo sie umgehend von einem Sicherheitsdienst fortgebracht wurde. Die 23-Jährige war seit Sonnabend in Russland gegen ihren Willen von der Polizei festgehalten und ausführlich befragt worden.

Die Ukrainerin, die Nemzow zum Zeitpunkt des Attentats begleitet hatte, ist die bislang einzige Zeugin in dem Fall. In einem Interview des unabhängigen russischen Fernsehsenders Doschd sagte sie, sie habe Nemzows Angreifer nicht gesehen. „Ich drehte mich um und alles, was ich sah, war ein hellfarbenes Auto, als es weg fuhr“, so Durizkaja. Wie sich die junge Ukrainerin und der russische Ex-Vizeregierungschef kennengelernt haben, gilt als unklar. Berichte über ein erstes Treffen während eines Türkei-Urlaubs sind unbestätigt. Russischen Medien sagte Durizkaja, dass sich beide drei Jahre lang kannten. Vor zwei Jahren soll sie demnach nach Moskau übergesiedelt sein. Am Tag des Attentats hatte Nemzow sie am Flughafen abgeholt. Nach einem Radiointerview des Politikers trafen sich beide in einem Café im Nobelkaufhaus GUM am Roten Platz. Als beide anschließend über eine Moskwa-Brücke spazierten, geschah der Mord. Durizkaja blieb unverletzt.

Ihr Anwalt Wadim Prochorow, der sie zurück in die Ukraine begleitete, sagte: „Meine Mandantin hat eine vollständige und erschöpfende Schilderung ihrer letzten Stunden mit Boris abgegeben.“ Sollten weitere Ermittlungen angefordert werden, werde sie wie versprochen kooperieren. Nemzow soll Beweise für die Präsenz russischer Soldaten in der Ukraine recherchiert haben, sagte Ilja Jaschin. Jaschin leitet die Oppositionsbewegung Solidarnost und war einer von Nemzows engen Freunden.

Nemzow habe diese Beweise veröffentlichen wollen. Unter anderem soll er Kontakte zu Angehörigen von in der Ukraine getöteten russischen Soldaten gehabt haben. Alle Beweise habe er in einem Bericht mit dem Titel „Putin und der Krieg“ zusammengefasst.

Laut Jaschin kamen die Ermittler zwei Stunden nach dem Mord in Nemzows Wohnung und am Sonnabend in sein Büro. Sie hätten Dokumente mitgenommen, und die Räume seien nun blockiert. Es sei zu befürchten, dass die von Nemzow recherchierten Beweise nie veröffentlicht würden. Zwei Tage vor seiner Ermordung sagte Nemzow, dass der Bericht in Kürze veröffentlicht werden sollte.