Russland

„Ein schwerer Abschied“

Tausende Menschen kommen in Moskau zur Trauerfeier für Boris Nemzow

Es ist ein grauer und kalter Tag in Moskau, an dem Russland Abschied von einem seiner wichtigsten Oppositionspolitiker nimmt. Nach einer dreistündigen Trauerfeier wird Boris Nemzow auf dem Prominentenfriedhof Trojekurowo beerdigt, dort, wo auch die 2006 ermordete Journalistin Anna Politkowskaja begraben liegt. Neben Nemzows Mutter Dina Ejdman waren auch enge Vertraute Nemzows dort.

Es ist ein emotionaler Moment, als der Sarg des mit vier Kugeln im Rücken getöteten 55-Jährigen in die Erde eingelassen wird. An der Beerdigung im Westen der russischen Hauptstadt nehmen rund 600 Menschen teil. Angehörige und enge Weggefährten Nemzows legen Kränze nieder. „Ob er Gouverneur war oder Vizeregierungschef oder Oppositioneller, das hat nichts geändert. Auf jedem Posten blieb er Mensch – hell und aufrichtig“, sagte Naina Jelzina, die Witwe des russischen Ex-Präsidenten Boris Jelzin. Nemzow war 1997 und 1998 unter Jelzin stellvertretender Ministerpräsident.

Zuvor hatten Tausende Menschen bei einer ergreifenden Trauerfeier im Moskauer Sacharow-Zentrum für Menschenrechte Abschied von Nemzow genommen. Dort war der offene Sarg aufgebahrt. Bei winterlichem Wetter standen die Trauernden stundenlang in einer gut 1000 Meter langen Schlange an, um sich am geöffneten Sarg zu verneigen. Viele Trauernde waren in Tränen aufgelöst. Ein buntes Meer aus Blumen umgab den mit weißem Stoff ausgelegten Sarg, der in dem Menschenrechtszentrum aufgebahrt war. Viele brachten rote Nelken in die Leichenhalle.

Nicht genug Zeit

Dort hingen Fotos des bekanntesten Putin- Gegners an den Wänden. Gedämpfte Musik wurde gespielt. Nicht alle Politiker und Prominente konnten vor dem Sarg die Reden halten, die sie vorbereitet haben. Es blieb nicht genug Zeit, nur drei Stunden waren vorgesehen. Und als der Sarg aus dem Räumen des Sacharow- Zentrums zum Auto getragen wurde, riefen die Menschen: „Russland wird frei sein!“

Präsident Wladimir Putin nahm weder an der Zeremonie im Sacharow-Zentrum noch am Begräbnis selbst teil. Er besprach sich lieber mit dem weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko, einem engen Verbündeten. Wie der russische unabhängige TV-Sender Doschd mitteilte, nahmen von Regierungsseite immerhin Vize-Premier Arkadi Dworkowitsch und Natalja Timakowa teil, die Pressesprecherin des Präsidenten. Der zur Opposition übergelaufene frühere Ministerpräsident Michail Kasjanow gehörte zu den prominenten Vertretern der kleinen und zunehmend unbedeutenden Gegnerschaft Putins, die sich auf den Friedhof begab. Die Zeremonien sowohl im Sacharow-Zentrum als auch auf dem Friedhof verliefen würdevoll. „Er war eine Stimme des freien Russlands, ein Beweis dafür, dass es ein Russland abseits Putins Politik gibt“, kommentierte ein Trauergast.

Großbritanniens Ex-Premier John Major war zur Beerdigung angereist, wo er US-Botschafter John Tefft ebenso traf wie andere Politiker aus dem europäischen Ausland. Auch deutsche Politiker und Diplomaten nahmen von dem ermordeten Kremlgegner Abschied. „Es ist ein schwerer Abschied, weil man natürlich weiß, dass Nemzow eine der wenigen gewichtigen Stimmen der Opposition war und dass es sehr schwer sein wird, ihn zu ersetzen“, sagte der Russland- Beauftragte der Bundesregierung, Gernot Erler (SPD), bei der Trauerzeremonie. Russlands Opposition und Zivilgesellschaft seien in einer schwierigen Situation, weil sie in einer Atmosphäre des Hasses und der Verdächtigungen lebten. „Ich denke, dass diese generelle Stimmung auch dazu beigetragen hat, dass dieses Attentat überhaupt stattfinden konnte.“

Die FDP-Politiker Wolfgang Gerhardt und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger forderten die vollständige Aufklärung des „feigen Mordes“.