Extremismus

Angriff auf die Menschheitsgeschichte

Die Verschleppung assyrischer Christen und die Zerstörung jahrtausendealter Kulturgüter ist mehr als schiere Barbarei

Es dauerte nur wenige Stunden. Die Menschen des christlichen Dorfes Tel Schamiran im Nordosten Syriens schliefen noch, als die Pick-up-Trucks am vergangenen Montag morgens um vier in das Dorf einfuhren. Von den Ladeflächen sprangen vermummte Kämpfer, verteilten sich vor den Häusern im ganzen Dorf, schlugen mit ihren Gewehren die Türen ein und trieben die Bevölkerung auf dem Kirchplatz zusammen.

Dort warteten bereits Lastwagen, die Männer, Frauen, Kinder und alte Menschen abtransportierten, insgesamt 320 Menschen. Das letzte, was die Bewohner von Tel Schamiran sahen, war der brennende Turm ihrer Kirche. „Dutzende von Kreuzzüglern“ habe man festnehmen können, ließ IS danach verkünden. 15 junge Männer wurden inzwischen umgebracht, berichtet der „Focus“ unter Berufung auf örtliche Geistliche. Gegen neun Uhr in der Frühe war das Dorf tot. Mit Tel Schamiran verschwand ein weiteres Element im kulturellen Mosaik des Nahen Ostens.

Selbstgezimmerter Gottesstaat

Überall, wo der Islamische Staat auftaucht, betoniert er die kulturelle Landschaft unter seinem simplen Radikal-Islam ein. Alles Abweichende muss verschwinden. Im vergangenen Juni eroberten IS-Truppen die uralte Stadt Mossul und vertrieben in den folgenden Wochen sämtliche Christen aus der Region. In der Stadt errichteten sie einen selbstgezimmerten Gottesstaat. Überall, wo der Islamische Staat wütet, zerstören die Milizen Kulturgüter, die nicht ihren Vorstellungen entsprechen. Dazu gehören Kirchen, Moscheen, Schreine, Museen, Bücher, kurzum: alles, was eine Kultur ausmacht.

Mit welcher Lust an kultureller Zerstörung sie dabei vorgehen, davon zeugte Bildmaterial, das die Extremisten am Donnerstag in die Welt schickten. Darauf ist zu sehen, wie Kämpfer marodierend durch ein Museum in Mossul ziehen. Sie stoßen Statuen von ihren Podesten und schlagen sie mit Vorschlaghämmern in Stücke. Die Extremisten rechtfertigten ihre Taten damit, dass auch der Prophet Mohammed in Mekka Götzenbilder beseitigt habe. Die Statuen seien früher anstelle Gottes angebetet worden. Der Fall erinnert an die Buddha-Statuen von Bamian, die den Taliban in Afghanistan zum Opfer fielen. 2001 begannen die Extremisten damit, die Statuen aus dem 6. Jahrhundert zu zerstören.

Sowohl der Fall der christlichen Ortschaften in Syrien, als auch die Eroberung der Stadt Mossul und die Vertreibung der Christen aus der Region ist zuerst eine unmittelbare humanitäre Katastrophe. Doch damit ist die Geschichte der Zerstörungswut der Dschihadisten nicht auserzählt. Die kulturelle Dimension, in der sich der Verlust bewegt, hat historisches Ausmaß.

Tel Schamiran ist nur eines von beinahe 40 Dörfern im Nordosten Syriens, in denen assyrische Christen wohnen. Seit Ausbruch des Krieges leben sie in einem Zustand konstanter Bedrohung durch Mörderbanden islamistischer Terrormilizen. Die assyrischen Christen sind eine der ältesten christlichen Gemeinschaften der Welt. Sie sind Teil eines Flickenteppichs christlicher Kirchen im Vorderen Orient und sehen sich als Nachfahren der Assyrer. Diese lebten im alten Mesopotamien – dem heutigen Irak –, bevor das Christentum und später der Islam dort Fuß fassten. Die Vereinten Nationen schätzen, dass bisher ungefähr 200.000 Christen aus der Region vertrieben wurden.

Die Bewohner von Tel Schamiran und den umliegenden Dörfern gehören zu den letzten Menschen, deren Muttersprache Aramäisch ist, der Sprache also, in der Jesus mit seinen Jüngern sprach. Mit den Menschenleben, die die Terroristen nun in der Region Hassakah ausgelöscht haben, und den Menschen, die sie von dort vertrieben haben, droht das gesprochene Aramäisch unterzugehen. Anders als ihre Sprecher überleben Sprachen nicht in der Diaspora. Werden Menschen vertrieben, nehmen sie ihre Sprache zwar zunächst mit. Nachfolgende Generationen werden nachlässiger, erst wird ihr Dialekt schwächer, schließlich vergessen sie die Sprache ihrer Vorfahren ganz. Der Linguist Ken Hale verglich das Aussterben einer Sprache einmal „mit einer Bombe auf den Louvre“. Wenn eine Sprache stirbt, dann geht damit mehr verloren, als die Fähigkeit zur Kommunikation. Eine Sprache ist der Träger kultureller Gedankenmuster. Stirbt sie, dann stirbt ein Wissenssystem.

Weltweites Entsetzen

Das ruft weltweites Entsetzen hervor. Die Unesco rief am Freitag den Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag an und forderte eine Krisensitzung des UN-Sicherheitsrats. Hohe islamische Rechtsgelehrte warfen den Dschihadisten völlige Unkenntnis des Islam vor, die Arabische Liga sprach von einem „abscheulichen Verbrechen“. Archäologen warnten, die Zerstörungen im Museum von Mossul könnten erst der Anfang sein. „Dieser Angriff ist weit mehr als eine kulturelle Tragödie – dies ist auch eine Sicherheitsfrage“, sagte Unesco-Direktorin Irina Bokova am Freitag.

In Kairo wies das oberste islamische Rechtsinstitut Dar al-Ifta darauf hin, dass IS mit seiner Auslegung der islamischen Lehren falsch liege. Mohammeds Begleiter seien bei ihren Eroberungen immer wieder auf ähnliche Schätze wie in Mossul gestoßen, ohne deren Zerstörung angeordnet zu haben. Diese seien heute von „unschätzbarem historischen Wert“. Auf den Rat der Gelehrten von Dar al-Ifta hören Muslime in aller Welt. Doch die IS-Dschihadisten fordern eine Rückkehr zu den fundamentalen Wahrheiten und ursprünglichen Gesetzen ihrer Tradition – oder dem, was sie dafür halten. Ihre Vorschriften und Verbote sind jedoch nichts weiter als eigene zynische Interpretationen und Erfindungen. Ihre Macht üben sie durch Ausgrenzung aus. Das hat in der Geschichte noch nie funktioniert.