Medizin

Organspende entzweit den Ethikrat

Gremium streitet darüber, ob Hirntote bei Entnahme von Herz oder Lunge noch leben –  und beklagt mangelnde Informationen

Die Schwangere ist hirntot. Aber das Baby in ihrem Bauch kann heranwachsen und gesund zur Welt kommen. Auch Wundheilung und Immunabwehr gibt es bei Hirntoten. Dabei ist das gesamte Gehirn bis hinunter zu dessen Stamm unumkehrbar ausgefallen. Die Funktionen des Organismus werden nur noch durch Intensivmedizin aufrechterhalten. Doch irgendwas ist tätig im Körper. Wie eine Leiche wirkt er nicht. Aber warum darf man dann Leber oder Lunge herausschneiden, um sie als Spenderorgane anderen Menschen einzusetzen?

Es ist eine verstörende Frage, mit der sich der Deutsche Ethikrat in seiner Stellungnahme „Hirntod und Entscheidung zur Organspende“ befasst, die am Dienstag veröffentlicht wurde: Sind Hirntote Tote? Ist es also bei Vorliegen einer Organspendeerklärung oder nach Zustimmung der Angehörigen wirklich ohne Weiteres möglich, den an Apparate angeschlossenen Hirntoten lebenswichtige Organe zu entnehmen? Tief gespalten ist das unabhängige Beratergremium. Heftiger Streit prägt die 189 Seiten der Stellungnahme.

Sieben der 26 Mediziner und Philosophen, Theologen und Juristen sind der Ansicht, dass „der Hirntod keine hinreichende Bedingung für den Tod des Menschen“ sei. Hirntote, so argumentiert diese Gruppe, seien biologisch nicht per se tot. Auf den Intensivstationen, wo die Hirntoten zur Funktionserhaltung ihrer Organe bis zur Entnahme unter anderem beatmet werden, befänden sie sich in einem „dritten Stadium minimalster Lebendigkeit“ zwischen Leben und Tod.

Dissens über Organspenderegel

Heftig widersprechen 18 andere Mitglieder. Diese Fraktion unterstützt die gegenwärtige Rechtslage, laut der ein Hirntod, der in Deutschland vor der Organentnahme von zwei unabhängigen Ärzten diagnostiziert werden muss, ein „sicheres Anzeichen für den Tod des Menschen“ sei. Zwar meint auch diese Gruppe nicht, dass der Hirntod „der Tod eines Menschen ist“, wohl aber, dass der Hirntod „den Tod des Menschen indiziert“. Mit dem vollständigen Funktionsverlust des Gehirns gehe „die leib-seelische Einheit“ eines Organismus verloren, „die für Lebende charakteristisch“ sei.

Zwar sind sich beide Fraktionen einig, dass für die Organentnahme der Hirntod ein „notwendiges“ Kriterium sei. Doch wegen der Meinungsunterschiede über den Status der Hirntoten herrscht dann wieder tiefer Dissens in der Frage, wie die Organspenden gesetzlich geregelt werden sollen. Die Minderheitsfraktion, die das Hirntod-Kriterium ablehnt, rät zum Abschied von der in Deutschland geltenden „Dead-Donor-Rule“. Nach ihr dürfen Organe nur Toten entnommen werden. Weil aber Hirntote nach Ansicht jener Gruppe nicht schon als Tote gelten können, müsse man bei ihnen die Organspende anhand anderer Grundsätze erlauben. Das sei möglich. Die Einwilligung in die Organentnahme wäre eine besondere Form der Patientenverfügung für den Sterbeprozess nach Eintreten des Hirntodes.

Allerdings würde dann die Organentnahme bei einem Hirntoten, den diese Gruppe ja für nicht definitiv tot hält, rechtlich als Tötungsakt gelten. Genauer, wegen der Organspendeerklärung, als Tötung auf Verlangen. Die Tötung auf Verlangen aber ist in Deutschland eine Straftat. Deshalb empfiehlt diese Gruppe, den betreffenden Strafgesetzparagrafen 216 so zu ändern, dass die Organentnahme bei Hirntoten nicht mehr darunter fiele, sofern sie „dem ausdrücklichen oder mutmaßlichen Willen des Betroffenen entspricht“.

Vehement lehnt all dies die Mehrheitsfraktion ab. Man könne nicht einerseits Hirntote für nicht tot erklären, ihnen aber andererseits die Organe entnehmen.

Den Bürgern dürfte eine solche Entscheidung – ob für oder gegen die Organspende – nach dieser Stellungnahme nicht leichter fallen. Denn bei Organspenden existieren in der Bevölkerung große Vorbehalte, die ganz offensichtlich nicht nur mit den 2012 bekannt gewordenen Skandalen zu tun haben. Auch vor 2012 gab es in Deutschland viel zu wenige Spender.

In einhelligen Empfehlungen nämlich spricht sich das Gremium dafür aus, die Bürger intensiver als bisher über die Schwierigkeiten bei dem Thema zu informieren.