Asyl

„Zu 90 Prozent glücklich“

Der junge Afghane Ali R. kam als unbegleiteter Flüchtling bis nach Berlin. Hier hofft er auf ein neues Leben

Was Gewalt ist, hat Ali R. schon als kleiner Junge erfahren. „In der Grundschule habe ich immer Schläge bekommen von den Lehrern, deshalb bin ich nicht mehr hingegangen“, erzählt der junge Mann und nippt an seinem Tee. Er kommt aus der afghanischen Stadt Herat.

Eine Nacht hat Ali R.s Familie Zeit, um Herat zu verlassen. Der Vater ist bedroht worden. Die Familie gehört der schiitischen Minderheit an. Der Vater, der in Herat vier Boutiquen betreibt, flüchtet mit Frau und Kindern in den Iran. Nur Ali zieht noch weiter. Er ist 15 Jahre alt, als seine Odyssee beginnt. Elf Monate braucht er bis Berlin. Als er ankommt ist er erschöpft. Sein erster Asylantrag wird abgelehnt. Er legt Widerspruch ein. 13 Monate später kommt das erlösende Schreiben. Er darf drei Jahre bleiben. „In der Türkei oder im Iran kann es dir passieren, dass man dich mit dem Messer bedroht. In Deutschland töten sie dich mit dem Kugelschreiber“, sagt der Flüchtling.

Ali R. hat, als die Familie Afghanistan verlässt, keinen Pass. Deshalb reist er illegal in die Türkei ein. Dann geht es mit einem kleinen, überladenen Boot zusammen mit 30 anderen Verzweifelten und Glückssuchern von Izmir aus über das Mittelmeer bis an die griechische Küste.

Mit dem Lkw zum Bahnhof Zoo

Drei Stunden dauert die Überfahrt. Es ist kalt und windig. Ali R. trägt ein dünnes T-Shirt. Der türkische Menschenschmuggler lässt die illegalen Einwanderer im Dunkeln ins seichte Wasser steigen. Ein dreijähriges Mädchen aus Afghanistan droht zu ertrinken. Ali R. springt ihr zur Hilfe. Doch auch er kann nicht schwimmen. Er hält das Kind mit einer Hand über den Wasserspiegel. Zwei Männer greifen nach der Kleinen und ziehen dann auch Ali R. aus dem Wasser. Damit seine Weiterreise nicht so gefährlich wird wie die nächtliche Bootsfahrt, schicken die Eltern Ali R. Geld. Er soll mit gefälschten Papieren nach Deutschland fliegen. Doch er ist zu nervös. Das fällt auf. Zweimal erwischt ihn die Polizei am Flughafen Athen aus der Abflughalle.

Schließlich legt Ali R. die letzte Etappe seiner Reise in einem LKW-Container zurück. Sie endet in Berlin, am Bahnhof Zoo. Doch bevor er gehen darf, muss Ali R. noch den Schlepper in Griechenland bezahlen. Vor seiner Abreise musste der junge Afghane das Geld für den illegalen Transport auf ein Konto einzahlen. Jetzt muss er am Telefon die PIN-Nummer für dieses Konto durchgeben. Erst als der Schlepper in Griechenland sagt: „O. k., ich habe das Geld abgehoben“, wird er in das Gewimmel der deutschen Hauptstadt entlassen.

Heute wohnt der junge Afghane in einer Einzimmerwohnung in Berlin. Ein großes Bett, ein Sofa, ein Fernseher. Die Wände hat er gelb-rot gestrichen. Nirgends ist ein Staubkorn zu sehen. Deutschland ist für Ali R., der heute 20 Jahre alt ist, nicht das erträumte Paradies. Das Leben in der Bundesrepublik ist nicht so einfach, wie er dachte. Trotzdem will der bullige Mann mit der kleinen Brille und dem freundlichen Lächeln nie wieder weg. In drei Monaten wird über seinen neuen Aufenthaltstitel entschieden. Er hat gute Chancen, dass er verlängert wird. Denn Ali R. hat eine Lehrstelle gefunden, ist im zweiten Lehrjahr als Einzelhandelskaufmann. Ali R. spricht passabel Deutsch. „Ich bin glücklich, 90 Prozent glücklich“, sagt er.

Über die restlichen zehn Prozent möchte er lieber nicht sprechen. Das sind die Gründe, die seine Familie zur Flucht veranlassten und die drei Tage in dem Container, in dem er ohne Licht und mit wenig Sauerstoff durch Europa fuhr. In seinen ersten zwei Jahren in Berlin litt Ali R. unter ständigen Magenschmerzen und Verfolgungswahn. Auch jetzt möchte er seinen vollständigen Namen nicht veröffentlicht sehen.

Im deutschen Verwaltungsjargon heißen Menschen wie Ali „UmF“ – Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Im vergangenen Jahr zählten die Behörden 4399 unbegleitete Minderjährige, die erstmalig einen Asylantrag in Deutschland stellten. Das waren 77 Prozent mehr als im Vorjahr. Knapp 1100 junge Asylbewerber wurden 2014 allein in der für diesen Personenkreis bestimmten Erstaufnahmeeinrichtung in Zehlendorf aufgenommen. Die meisten „UmF“ sind männlich. Das liegt daran, dass viele von ihnen flüchten, um dem Militärdienst zu entkommen – zum Beispiel im Bürgerkriegsland Syrien oder in Eritrea, wo die Wehrpflichtigen erniedrigt und oft jahrelang ausgebeutet werden.

Jugendliche wollen in die Stadt

„Die Jugendlichen wollen fast alle in eine Großstadt. Und ich glaube, wenn man sie auf den ländlichen Raum verteilt, dann werden sie da wieder abhauen“, sagt Andreas Meißner, der beim Berliner Jugendhilfeverein Evin junge Asylbewerber betreut. Auch Ali R. wollte auf keinen Fall in ein Dorf. „In der Stadt hat man mehr Möglichkeiten, etwas zu lernen und zu arbeiten“, sagt er. Außerdem findet man leichter Landsleute und fühlt sich nicht so allein.

Das Jugendheim in Berlin, wo er im zweiten und dritten Monat nach seiner Ankunft war, nennt Ali R. „schlimmer als die Hölle“. Oft schläft Ali R. in dieser Zeit in U-Bahnstationen. Er will nicht ins Heim. Als eine Frau vom Jugendamt in sein Leben tritt, nimmt sein Schicksal eine Wende zum Besseren. Sie bringt ihn in einem betreuten Wohnprojekt unter und sorgt dafür, dass der Analphabet einen Deutschkurs an einer privaten Sprachschule bezahlt bekommt. „Wenn Gott etwas will, dann macht er die Tür für dich auf“, sagt Ali R. und strahlt.