Interview

Dänemark hat seine Unschuld verloren

Der Kulturwissenschaftler Dennis Meyhoff Brink erlebte den Anschlag von Kopenhagen mit

Dänemark steht nach den Anschlägen von Kopenhagen unter Schock. Zehntausende Menschen haben auch am Dienstag in Kopenhagen die Opfer gewürdigt und ein Zeichen gegen Gewalt gesetzt. Dennis Meyhoff Brink war bei dem Anschlag dabei. Der Kulturwissenschaftler will aber weiter für Meinungsfreiheit streiten.

Berliner Morgenpost:

Herr Meyhoff Brink: Sie waren am vergangenen Samstag im Café Krudttønden, auf das der Anschlag verübt wurde, bei dem der Dokumentarfilmer Finn Nørgaard getötet wurde. Wie haben Sie das Attentat erlebt?

Dennis Meyhoff Brink:

Die Debatte über Kunst- und Meinungsfreiheit lief seit einer knappen halben Stunde. Auf dem Podium waren neben dem schwedischen Künstler Lars Vilks noch die polnisch-britische Künstlerin Agnieszka Kolek und die ukrainische Femen-Aktivistin Inna Schewtschenko, die gerade begonnen hatte, zu sprechen. Dann fielen auf einmal die Schüsse. Im ersten Moment haben wir gar nicht verstanden, was passierte, ich dachte erst, dass seien vielleicht Feuerwerkskörper. Aber dann brach Panik aus. Ich hörte einen Mann etwas brüllen in einer Sprache, die ich nicht verstand. Es schien Arabisch zu sein. Da dachte ich gleich, das ist wie bei „Charlie Hebdo“. Die Leute rannten los, versuchten durch die Hintertür aus dem Saal zu kommen, aber man wusste ja auch nicht, was draußen los war. Manche haben sich auf den Boden geworfen und sich hinter umgekippten Tischen und Stühlen versteckt. Ich habe mich schließlich in der hinteren Ecke des Saales hinter einem Mischpult versteckt.

Wie lange dauerte das?

Bestimmt ein paar Minuten. Schließlich kam ein Mann in den Saal, der hatte aber die Waffe an die Decke gerichtet und nicht auf uns, da war dann schon klar, dass er wohl eher von der Polizei war. Aber auch er schien fast in Panik, hatte die Situation jedenfalls nicht unter Kontrolle, er hat geblutet, war am Bein verletzt. Er ist durch den Raum zu einer Hintertür gelaufen, die er wahrscheinlich sichern wollte. Wir haben da einfach still gelegen und versucht, keine Aufmerksamkeit zu erwecken. Niemand hat etwas gesagt. Es war eine ganz merkwürdige Situation. Wir haben uns einfach alle tot gestellt. Er lief mehrmals hin und zurück. Die Schüsse haben dann irgendwann aufgehört und wir hörten die Sirenen von der Polizei so nach vielleicht acht oder zehn Minuten. Da habe ich mich dann ein bisschen sicherer gefühlt.

Es war eine öffentliche Veranstaltung zum Thema Kunst und Meinungsfreiheit, der schwedische Künstler Lars Vilks steht schon seit Jahren unter Personenschutz: Hatten Sie im Vorfeld das Gefühl, das könnte riskant sein da hin zu gehen?

Man weiß natürlich, dass es theoretisch eine Gefahr gibt, aber das weiß man ja auch jedes Mal, wenn man ein Flugzeug nimmt. Jedes Mal wenn es Veranstaltungen gibt, an denen Leute wie Vilks oder Kurt Westergaard teilnehmen, die unter Personenschutz stehen, dann gibt es Sicherheitskontrollen, Schleusen wie auf dem Flughafen. Ich dachte, das ist einfach Routine. Und das war ja eine ganz kleine und friedliche Debatte ohne jede provozierende Absicht. Es ging eigentlich nur darum darüber zu diskutieren, wie die Bedingungen für Kunst heute sind, wo die Meinungsfreiheit unter Druck ist. Kann man es noch wagen, blasphemisch zu sein?

Wie könnte dieser Anschlag Dänemark verändern?

Mein persönlicher Eindruck ist, dass Dänemark auf gewisse Weise seine Unschuld verloren hat. Wir sind ja eigentlich in Dänemark in einem unglaublich friedlichen Land aufgewachsen. Wir hatten nie so etwas wie die RAF oder Terrorismus dieser Art. Wir sind eigentlich mit der Vorstellung aufgewachsen, dass Gewalt etwas war, das immer nur woanders geschieht. Ich glaube, wir sind jetzt aus dieser Illusion herausgerissen worden. Jetzt ist es ernst. Nach der Affäre um die Karikaturen, die „Jyllands-Posten“ veröffentlichte, gab es ja bereits einige Veränderungen, aber das war irgendwie isolierter. Das war eine sehr islamkritische Zeitung, jetzt scheint es, als handele sich um einen viel breiteren Angriff. Der Angriff richtet sich irgendwie gegen alle. Das war ja keine Veranstaltung der politischen Rechten, da waren genauso viele aus der linken Szene. Das Gleiche gilt ja auch für „Charlie Hebdo“.

Nun arbeiten Sie selbst als Kulturwissenschaftler zur Geschichte der Karikatur und den Auswirkungen von Religionskritik auf Gesellschaften. Können Sie da Rückschlüsse auf die Gegenwart ziehen? Kann man etwa vergleichen, in welchem Stadium sich islamische Gesellschaften in ihrem Verhältnis zu Religionskritik befinden?

Man sollte vielleicht nicht von Stadien sprechen, weil man damit immer gleich impliziert, dass etwas noch nicht weit genug entwickelt ist. Ich glaube, die Entwicklungen sind einfach unterschiedlich gewesen. In Europa haben wir eine sehr lange und auch offensive satirische Tradition. Eigentlich schon seit dem Mittelalter, aber spätestens mit der Reformation bricht eine Art satirischer Krieg aus zwischen Protestanten und Katholiken. Und in der Aufklärung wird Religionssatire ein Massenphänomen. Dadurch sind Kirche und Religion in Europa so oft herausgefordert worden, dass wir ein anderes Verhältnis zu religiösen Autoritäten bekommen haben. Satire degradiert ja Autoritäten, ob das jetzt der Papst ist oder Jesus oder Moses oder Mohammed. Das haben wir so oft gesehen, dass wir ein anderes Verhältnis zu diesen Autoritäten haben. Wir finden das nicht mehr so aufregend, wenn wir heilige Autoritäten sehen, die irgendwie lächerlich dargestellt werden. Nun gibt es selbstverständlich auch Satire in der arabischen Welt, aber die ist eher literarisch und bei weitem nicht so verbreitet. Daher sind viele Muslime das nicht in dem Maße gewöhnt und deshalb ist es, glaube ich, für viele so schockierend, weil sie ihre moralischen Vorbilder wie Mohammed eben für unantastbar halten. Man darf ihn nicht lächerlich machen. Dabei scheint es einen wichtigen Umstand zu geben. Viele machen keinen Unterschied zwischen sich selbst als Person oder Volk und ihren religiösen Autoritäten. Da passiert in gewisser Weise ein Kurzschluss: Wen man eine religiöse Autorität angreift, dann wird das als persönliche Beleidigung verstanden.

Nach dieser Erfahrung jetzt: Würden Sie also trotzdem wieder zu solchen Diskussionsveranstaltungen gehen?

Ehrlich gesagt kämpfen gerade zwei Kräfte in mir. Auf der einen Seite habe ich Angst, das muss ich zugeben. Wir sind einfach sehr getroffen von dieser Situation. Das Grundvertrauen, dass so etwas nicht passiert, ist einfach kaputt gegangen. Auf der anderen Seite will ich weitermachen, denn ich glaube, das ist der einzige Weg: Wir müssen diesen Kampf kämpfen. Ich bin dabei gar nicht wütend oder so, ich denke nur, es gibt keinen anderen Weg. Wenn wir nicht darauf bestehen, dass wir eine kleine Debatte über Meinungsfreiheit machen können, dann verlieren wir die Grundwerte unserer Gesellschaft. Wir müssen darauf bestehen, dass wir daran glauben. Das ist eine gesündere, demokratische Einsicht einer Gesellschaft. Wir können nicht anders, als diesen Kampf kämpfen. Deshalb hoffe ich, dass es noch mehr solche Veranstaltungen geben wird. Denn ich glaube, was wirklich wichtig ist in unserer Zeit, ist Mut zu mobilisieren. Und Mut kriegt man ja auch, wenn andere Mut haben. Das ist eine kollektive Stimmung, deshalb hoffe ich, dass viele Leute noch den Mut aufbringen, solche Veranstaltungen zu machen.