Personalien

Der einsame Wulff ist zurück

| Lesedauer: 5 Minuten
Claudia Kade

Ex-Bundespräsident feiert mit Merkels Zustimmung ein Comeback auf der Politbühne

Stockdunkel liegt das Städtchen Lauterbach. Schwärzer als der Februarabend in diesem Winkel Osthessens ist nur die breite Limousine, die vor dem kleinen Museum parkt, mit Hannoveraner Kennzeichen. Drinnen, im ersten Stock, neben einem Flügel unter Staubschutzplane, stehen ein paar Männer um ein großes, dickes Buch. Einer ist Christian Wulff. Wulff tut dem Bürgermeister einen Gefallen, er ist mit seiner Limousine vorgefahren, um sich ins Goldene Buch einzutragen. Als das erledigt ist, muss Wulff los. Der Bundespräsident a.D. hat einen wichtigeren Termin – und zwar in der Sparkasse ein paar Ecken weiter.

Gut 300 Menschen warten dort auf ihn. Wulff liest aus seinem Buch, „Ganz oben, ganz unten“, in dem er seinen Sturz als Staatsoberhaupt verarbeitet und neben Selbstkritik auch schwere Vorwürfe gegen eine ganze Reihe von Journalisten formuliert. Sein Auftritt ist Teil einer Lesereihe, die der regionale Energieversorger veranstaltet. Wulffs Name hatte zwar keinen Ansturm auf die Ticketkassen ausgelöst, aber ausverkauft ist der Sparkassensaal dann doch. Als Wulff auf der Bühne Platz nimmt, vor sich einen kleinen Bücherstapel, sprudelt er munter los: „Meine Zukunft hat längst begonnen“, verkündet er. „Es bringt nicht so viel, zu sehr in der Vergangenheit zu verharren.“

Der Leseabend ist der vorletzte von zehn Auftritten, die Wulff mit seinem Buch absolviert. Ab kommender Woche soll Schluss sein mit der Vergangenheitsbewältigung. Genau drei Jahre liegt sein Rücktritt als Staatsoberhaupt dann zurück, ein Abgang als Folge staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen wegen des Vorwurfs der Vorteilsannahme in seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident. Wulffs Freispruch vor Gericht liegt fast ein Jahr zurück. Und was seit einigen Wochen zu beobachten ist, ist nichts weniger als ein stilles, aber unübersehbares Comeback. Wulff ist dabei, sich von seinem beispiellosen Absturz wieder nach oben vorzukämpfen. Wie weit die Rückkehr in die Öffentlichkeit den Bundespräsidenten a.D. führen wird, weiß er womöglich selbst noch nicht so genau. Fest steht aber, dass Angela Merkel dabei eine wichtige Rolle spielen wird.

Merkel zitiert Wulff

Wulff ist wieder in der ersten Reihe neben der Kanzlerin und dem amtierenden Bundespräsidenten Joachim Gauck zu finden: zunächst bei einer Kundgebung gegen Antisemitismus im vorigen Herbst in Berlin, später, im Januar, nach den Anschlägen von Paris, auf der Mahnwache für Toleranz vor dem Brandenburger Tor. Eingeladen einmal vom Zentralrat der Juden, danach vom Zentralrat der Muslime. Vor drei Wochen vertrat Wulff überraschend die Bundesrepublik bei der Trauerfeier für den verstorbenen König Abdullah von Saudi-Arabien. Und nach allem, was aus Merkels Umgebung zu hören ist, will die Kanzlerin eine größere Präsenz ihres einstigen Wunschkandidaten für das Schloss Bellevue nach Kräften fördern, sobald sich passende Gelegenheiten finden. „Wenn sich ein Einsatz Wulffs wieder anbietet, muss man Merkel nicht zwingen“, heißt es im Beraterkreis der Kanzlerin. Der Merkel-Vertraute und Wulff-Freund Peter Hintze wird deutlicher: Wulff genieße in der muslimischen Welt hohes Ansehen und habe Deutschland beim Staatsakt in Riad würdig vertreten, lobt der Bundestagsvizepräsident.

Wie zielstrebig Merkel in Sachen Wulff-Comeback vorgeht, ist auffällig. So nutzte sie die große Bühne einer Pressekonferenz mit dem türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu im Kanzleramt, um Wulffs berühmtesten Präsidentensatz zu wiederholen und dabei ausdrücklich die Urheberschaft des 55-jährigen Katholiken hervorzuheben: „Unser früherer Bundespräsident Christian Wulff hat gesagt: Der Islam gehört zu Deutschland. Das ist so“, sagte Merkel. „Dieser Meinung bin ich auch.“ Den anschließenden Proteststurm aus ihrer CDU nahm die Kanzlerin in Kauf. Und wiederholte Wulffs Satz kurz darauf im Bundestag abermals.

Merkel war es auch, die dafür sorgte, dass Wulff am Staatsakt in Saudi-Arabien teilnahm. Die Umstände waren günstig: Gauck hatte Merkel wissen lassen, dass er wegen der privaten Feier seines 75.Geburtstags nicht reisen wolle. Merkel selbst war stark erkältet. Und Diplomaten gaben den Hinweis, dass in Saudi-Arabien ein früherer Präsident protokollarisch höher eingestuft wird als etwa ein amtierender Außenminister. Merkel zögerte nicht. Als sie ihn fragte, war Wulff gerade unterwegs zum Flughafen. „Ich habe ihr gesagt: Ich bin sowieso auf dem Weg und habe auch einen schwarzen Anzug dabei, weil ich in Japan auf einer Beerdigung sprechen sollte. Das passte also gut.“

Merkels Entscheidung ist bemerkenswert, denn derartige Einsätze ehemaliger Bundespräsidenten sind selten. Horst Köhler wurde wegen seiner besonderen Kontakte nach Afrika einmal gebeten, Gauck in Mali zu vertreten. Demnächst dürfte ein ähnlicher Anlass anstehen; es sind rare Gelegenheiten. Merkel und Wulff halten engen Kontakt, das hat sich nach seinem Rücktritt nicht geändert. Dass sie nun an seiner Rehabilitation mitwirkt, tut ihm gut.

Ein knappes Dutzend Bücher hat Wulff auf der Sparkassen-Bühne neben sich aufgestapelt, es sind Lesetipps für die Menschen in Lauterbach. Wulff bemüht sich, den Blick über das eigene Schicksal hinaus zu weiten, er äußert sich besorgt, dass der Politik der Nachwuchs ausgehen werde, wenn die Medien jeden vergraulten. Warum er trotz aller Bitternis wieder in die erste Reihe und damit auch vor die Journalisten tritt, lässt er offen.