Gedenken

Die Nacht, in der Dresden brannte

Vor 70 Jahren zerstörten alliierte Bomber die Stadt –  25.000 Menschen starben

Als die Bomber der Alliierten kommen, ist Helga Kluge knapp sechs Jahre alt. Mit ihrer Mutter rennt sie über den Hof, hinunter in den Luftschutzkeller – wie seit Monaten fast jeden Abend. Es ist der 13. Februar 1945. In den kommenden 37 Stunden werden in Dresden etwa 25.000 Menschen sterben. Helga Kluge überlebt, im März wird sie 76 Jahre alt. Mit ihrer Enkelin ist sie am Freitagnachmittag in die Frauenkirche geladen, mit etwa 300 anderen Zeitzeugen und deren Begleitern.

Deutsche Kriegsschuld

Zum 70. Jahrestag der Bombardierung der Stadt sprach Bundespräsident Joachim Gauck bei der zentralen Gedenkveranstaltung in dem wiedererrichteten Gotteshaus, Symbol schlechthin für Kriegsleid und Versöhnung. Gauck warnte vor einem Relativieren der deutschen Kriegsschuld und einer Instrumentalisierung der Opfer. „Wir wissen, wer den mörderischen Krieg begonnen hat. Und deshalb wollen und werden wir niemals die Opfer deutscher Kriegsführung vergessen, wenn wir hier und heute der deutschen Opfer gedenken.“

Ausdrücklich gedachte er der Opfer des Bombenkrieges gegen zivile Ziele auf allen Seiten. Gauck mahnte eine Erinnerungskultur an, die zu einer Verständigung über nationale Grenzen hinweg führe. „Wir gedenken all derer, die in jener Zeit als Opfer von Gewalt und Krieg ums Leben kamen, nicht nur in Dresden, sondern auch an anderen Orten“, sagte Gauck. Nirgends sei aber Leid so stark politisch instrumentalisiert worden wie in Dresden. Die Geschichtsfälschung habe während der Naziherrschaft begonnen, sich in der DDR fortgesetzt und werde heute noch von einigen Unverbesserlichen weitergeführt. „Ein Land, das für eine Ungeheuerlichkeit wie den Völkermord steht, konnte nicht damit rechnen, ungestraft und unbeschädigt aus einem Krieg hervorzugehen, den es selbst vom Zaun gebrochen hatte“, so Gauck.

In plastischen Worten zeichnete Gauck jene Stunden nach, in denen britische und US-amerikanische Flieger in vier Angriffswellen bis zum 15. Februar die Barockstadt mit rund 2400 Tonnen Sprengbomben und fast 1500 Tonnen Brandbomben in Schutt und Asche legten. „Auch 70 Jahre später spüren wir die Folgen des Albtraums“, sagt Gauck. „Wir trauern mit allen, die seither Leid tragen.“ Gauck wandte sich gegen jede Art von Revanchismus und gegen jede Konkurrenz verschiedener Opfergruppen: „Wenn Wunden offen gehalten werden, kann Feindschaft nicht vergehen. Wenn das Ressentiment kultiviert wird, wächst der Wunsch nach Rache und Vergeltung.“

Die für den Abend geplante Menschenkette würdigte Gauck als Zeichen „gegen ein Gedenken, das, mal von rechts und mal von links außen, im Geiste eines übersteigerten oder umgekehrt eines negativen Nationalismus missbraucht werden soll“. Die umstrittenen Demonstrationen der islamfeindlichen Pegida-Bewegung, die in Dresden ihren Ursprung hatte, sprach der Bundespräsident mit keinem Wort an.

Bevor Gauck in der Frauenkirche redete, hatten rund 2000 Menschen an die Verbrechen der Nationalsozialisten erinnert. Beim „Mahngang Täterspuren“ suchten sie in der Innenstadt Orte auf, die als Schauplätze der NS-Herrschaft gelten. Auch Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) reihte sich in die Menge ein. Tatsächlich war die Elbestadt damals eine Hochburg der Nationalsozialisten. Über Jahre hatten später Rechtsextreme versucht, den Gedenktag der Bombardierung für ihre Propaganda zu missbrauchen. Zeitweise versammelten sich Tausende Neonazis in der Stadt.

Widerstand gegen Gewalt

Klare Worte fand auch Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU). Sie nannte Pegida nicht beim Namen, aber allen war klar, von wem sie sprach, als sie auf „die Ereignisse der vergangenen Wochen“ Bezug nahm, darauf, dass eine andere Religion als Bedrohung wahrgenommen wurde und Medien und Politik beschimpft wurden. Gedenken bedeute „die Verantwortung dafür, dass der Krieg nicht wieder in unseren Köpfen beginnen darf“. „Es bedeutet, dass wir klaren Widerstand leisten, wenn Rassismus und Gewalt – egal von wem – propagiert werden.“

Helga Kluge hatte, wie sie selbst sagt, „so ein Glück“ gehabt. Nach der Nacht im Luftschutzkeller konnte sie am 14. Februar 1945 mit der Mutter und den Großeltern aus der brennenden Stadt entkommen. Geblieben sind die Erinnerungen an das Brummen der Bomber, das Schulgebäude in Flammen, die verbrannten Leichen. Bilder aus Kriegsgebieten in aller Welt in den Nachrichten erträgt sie bis heute nur schwer.