Extremismus

„Wir lieben den Tod wie das Leben“

Etwa 550 Frauen kämpfen für den IS. Laut einer Studie verrohen sie ebenso wie die Männer

Umm Khattab hat sich das Ende ihres Lebens, das sie bisher kannte, nicht leicht gemacht. „Die Nacht vor meiner Abreise habe ich so viel Zeit wie möglich mit meiner Familie verbracht. Ich blickte in das Gesicht meiner Mutter und konnte die Tränen kaum zurückhalten. Ich wusste, ich würde sie und meinen Vater sehr bald verlassen. Ich spielte mit meinen jüngeren Geschwistern, und mir brach das Herz bei dem Gedanken, dass ich sie nicht aufwachsen sehen werde. Aber ich wusste, es ist das Beste für mich.“

Suche nach einer höheren Idee

Das Beste für sich sah die junge Muslimin aus Großbritannien darin, sich der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) anzuschließen, ihr bisheriges Leben aufzugeben und sich einer ihrer Ansicht nach höheren Idee zu verschreiben. Ihre Erinnerungen, Erfahrungen und Ansichten teilt sie seither mit der Internetgemeinde, die sich in den sozialen Netzwerken von Facebook bis Tumblr tummelt.

Umm Khattab hatte kurz zuvor erfahren, dass ihr Ehemann, ein IS-Kämpfer, in Syrien gefallen war. „Oh, Mutter, mich hält auf dieser Welt nichts mehr außer der Aussicht, von dir umarmt zu werden – wenn nicht in dieser Welt, dann im Himmel.“ Die junge Frau trieb eine Mischung aus Trauer, Rache und Suche nach dem Lebenssinn in die Fänge der Islamisten, die in großen Teilen Nordsyriens und des Nordirak ihr „Kalifat“ ausgerufen haben und dort nach archaischen Regeln ein totalitäres Regime mit den Strukturen eines staatlichen Gefüges aufgebaut haben. So ähnlich wie Umm Khattab ging es einer Studie des renommierten Londoner Instituts für Strategischen Dialog zufolge bisher 550 Frauen aus westlichen Ländern.

Was sind das für Frauen, die freiwillig in einem frauenverachtenden, totalitären und fanatisierten gesellschaftlichen Gebilde leben wollen? Welche Frau, die doch Leben spendet, Kinder schützt und die Familien zusammenhält, tut das? Ross Frenett ist Co-Autor der Studie, die sich exemplarisch auf die Aussagen von zwölf Frauen (sechs aus Großbritannien, zwei aus den Niederlanden, eine Französin, eine Kanadierin und zwei Frauen aus Österreich) stützt, die in das IS-Kalifat zogen. Er kann gewisse Gemeinsamkeiten in den Motiven dieser Dschihadistinnen erkennen, die sich nicht wesentlich von denen ihrer männlichen Gesinnungsgenossen unterscheiden.

„Es gibt zunächst ideologische Gründe, also etwa den Wunsch, ein Kalifat zu schaffen, oder aus Hass auf den Westen gegen ihn zu kämpfen. Aber es gibt auch die Sehnsucht nach Geborgenheit und die Suche danach, wohin man gehört“, sagt Frenett. Anders als etwa in Afghanistan, in den Palästinensergebieten oder auf dem Balkan hätten die IS-Kämpfer und auch die Frauen eines als sinnstiftend identifiziert: den Versuch, einen Staat aufzubauen.

Allen weiblichen Opfern der IS-Ideologen scheint der Studie zufolge gemeinsam zu sein, dass sie in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, zwischen 16 und 25 Jahre alt, emotional labil und verletzlich sind. In ihrer Orientierungslosigkeit suchen sie im Internet nach Informationen und stoßen dort auf die zynische Ästhetik der IS-Propaganda-Videos oder geraten in die Fänge von geschulten Rekrutierern. Eine gewisse Umm Essa wähnt die islamische Gemeinde von Marokko bis Indonesien und von Bosnien bis Mali attackiert und diskutiert diesen Umstand leidenschaftlich im Internet mit anderen Dschihadistinnen. Unter einem Foto, das einen toten palästinensischen Jungen und seinen trauernden Zwillingsbruder zeigt, schreibt sie: „Herzzerbrechend. 13-Jähriger küsst seinen Bruder zum Abschied, der von der israelischen Armee ermordet wurde.“

Die IS-Frauen lehnen nicht nur den Westen und seinen Lebensentwurf ab, sie sind von dem Gedanken beseelt, etwas Neues zu schaffen, eine neue, gleichsam reine Gesellschaft, die den Geboten Allahs gehorcht, dem Koran und der Sunna, den Überlieferungen, was der Prophet gutgeheißen oder verurteilt hat.

Glauben an das Paradies

Interessant an der Studie ist, dass die Frauen unter dem direkten Einfluss des IS wie auch die männlichen Milizen zunehmend verrohen, um dem vermeintlich höheren Ziel einer eigenen Staatlichkeit „reinen Glaubens“ näher zu kommen. Und ganz entscheidend: Sie glauben an das Paradies. Umm Khattab schreibt in ihrem Blog dazu: „Wir lieben den Tod wie das Leben.“

Die Londoner Studie macht eine deutliche, mindestens verbale Verrohung unter den zwölf Frauen während ihres Aufenthalts im IS-Gebiet aus. Die aus Großbritannien stammende Umm Hussein schreibt: „Wisset, dass wir Armeen von wütenden Löwen haben im Irak und in Syrien, die Blut trinken und deren Geschäft das Massaker ist.“ Jedes IS-Enthauptungsvideo wird von den Frauen bejubelt. Eine Frau schreibt über die Hinrichtung des US-Amerikaners Peter Kassig und 18 syrischer Geiseln: „So viele Enthauptungen zur gleichen Zeit. Das Video ist wundervoll!“