Gedenken

„Wir dürfen nicht vergessen“

Vor 70 Jahren wurde Auschwitz befreit. Angela Merkel gedenkt in Berlin mit Überlebenden den Opfern der Nazis

Zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz hat Bundeskanzlerin Angela Merkel(CDU) gemahnt, die Erinnerung an die deutschen Verbrechen wachzuhalten. Verbrechen an der Menschheit verjährten nicht, sagte sie bei einer Gedenkveranstaltung des Internationalen Auschwitz Komitees am Montag in der Urania in Berlin. „Wir dürfen nicht vergessen. Das sind wir den vielen Millionen Opfern schuldig.“ Auschwitz mahne auch heute, nicht hasserfüllten Parolen gegen Menschen zu folgen, die in Deutschland ein neues Leben suchten, so die Kanzlerin.

Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Truppen das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Dort hatten die Nationalsozialisten 1,1 bis 1,5Millionen Menschen ermordet, genauer lässt sich das nicht ermitteln. Ein Großteil der Opfer waren Juden. Am Dienstag soll bundesweit an die insgesamt sechs Millionen von den Nationalsozialisten ermordeten Juden sowie an verfolgte Sinti und Roma, NS-Gegner, Behinderte, Homosexuelle und Zwangsarbeiter erinnert werden.

Merkel sagte, Auschwitz sei eine Mahnung, was Menschen anderen Menschen antun können. Der Name des Vernichtungslagers stehe für das grausame Vorhaben, jüdisches Leben in ganz Europa auszulöschen. „Auschwitz steht für den von Deutschland begangenen Zivilisationsbruch der Schoah“, sagte die Bundeskanzlerin. Zugleich dankte sie den Auschwitz-Überlebenden für ihre geschichtliche Leistung: Mit ihren Berichten hätten sie dafür gesorgt, die Erinnerung wachzuhalten.

Drei Jugendliche schilderten ihre Erlebnisse und ihr Empfinden als ehrenamtlich Engagierte in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. So sprach Sarah Nonnenmacher, eine Auszubildende aus Wolfsburg, vom „dunkelsten Ort“, den sie je in ihrem Leben gesehen habe.

Deportation in einem Viehwaggon

Die ungarische Holocaustüberlebende und Schriftstellerin Eva Fahidi berichtete in erschütternden Worten von ihrer Deportation in einem Viehwaggon und dem Leid im KZ Auschwitz-Birkenau. Die Nazis ermordeten dort 49 Mitglieder ihrer Großfamilie, darunter ihre elfjährige Schwester und ihre 39-jährige Mutter in der Gaskammer. Fahidi, 1925 geboren, erzählte von dem unablässigen Hass, der allgegenwärtigen Angst, dem Schlaf auf nackten Boden, der Zwangsarbeit und dem Leichengeruch in der Luft. „Es gab nur die Demütigung und die Schande.“

„Heute hassen wir niemanden mehr. Wir wissen, wie der Hass die menschliche Seele zerstört“, sagte Fahidi. Dennoch heile die Zeit die Wunden nicht, und im Herzen dominiere selbst nach 70 Jahren der Schmerz. Es sei ihre Verantwortung und Pflicht, an die Opfer zu erinnern. Den Opfern, die nie ein Grab erhalten hätten, rief sie zu: „Heute nach 70 Jahre wendet sich die ganze Welt mit Scham und Mitleid an euch – ruhet behütet in Frieden bis in Ewigkeit.“ Merkel dankte den Überlebenden und besonders Fahidi für ihr Zeugnis. „Sie haben uns ein großes, ein wichtiges Geschenk gemacht, für das ich ihnen von ganzem Herzen danken möchte“.

Merkel erinnerte auch an die Attentate von Paris und bezeichnete den islamistischen Terrorismus und Antisemitismus als die „beiden großen Übel unserer Zeit“. Zugleich hob sie hervor: „Wir wollen keine hasserfüllten Parolen“ gegen Juden oder Menschen, die in Deutschland ein neues Zuhause oder Zuflucht vor Bürgerkrieg gefunden hätten. Das Vorgehen gegen Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit sei „bürgerschaftliche, gesellschaftliche und staatliche Pflicht“. Die Bundeskanzlerin sagte: „Es ist eine Schande, dass Menschen in Deutschland angepöbelt werden, wenn sie sich als Juden zu erkennen geben oder wenn sie für Israel Partei ergreifen.“

Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung will sich allerdings ein Großteil der Deutschen nicht mehr mit dem Holocaust auseinandersetzen. 81 Prozent der Befragten gaben demnach an, die Geschichte der Judenverfolgung „hinter sich lassen“ und sich gegenwärtigen Problemen widmen zu wollen. 58Prozent der Befragten forderten gar einen regelrechten Schlussstrich.

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, forderte die Bundesländer auf, die Gedenkarbeit in den Schulen zu intensivieren und im Unterricht mehr Informationen über den Holocaust zu vermitteln. Jeder Schüler ab der neunten Klasse müsse verpflichtend eine Konzentrationslager-Gedenkstätte besuchen, sagte Schuster der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Alle Bundesländer, in denen dies noch nicht der Fall sei, sollten eine entsprechende Regelung einführen. „Theorie und Unterricht sind schließlich die eine Sache, das konkrete Erleben vor Ort, die plastische Anschauung die andere“, argumentierte er.

Gedenken seit 1996

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon verwies unterdessen in einer Erklärung darauf, dass auch 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz antisemitische Angriffe anhielten. Überall in der Welt müssten die Menschen daher gemeinsam den Kreislauf der Uneinigkeit stoppen, um eine Welt des gegenseitigen Respekts zu schaffen, sagte er. Die internationale Gemeinschaft müsse ihre Anstrengungen für Toleranz verdoppeln. „Wir sind entschlossen, die Verletzlichen zu schützen, grundlegende Menschenrechte zu fördern sowie Freiheit, Würde und Wert eines jeden Menschen hochzuhalten.“

Der Internationale Holocaust-Gedenktag wird seit 2006 jährlich am Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau begangen. Bereits im Jahr 1996 hatte in Deutschland der damalige Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus festgelegt.