Kommentar

Keine Angst vor Syriza

Silke Mülherr über Folgen des historischen Wahlsiegs der Linken in Griechenland

Allen Warnungen aus Europa zum Trotz haben die Griechen gewählt, wen sie für richtig hielten. Der nächste Ministerpräsident Griechenlands wird wohl Alexis Tsipras heißen – ob es Brüssel und Berlin nun gefällt oder nicht. Aber besiegelt der Syriza-Sieg wirklich den Untergang der Eurozone? Es gibt eine Reihe von Gründen, weshalb Tsipras am Ende doch nicht der Schlechteste sein könnte, um Griechenland auf den richtigen Weg zu führen. Sicher: Seine Versprechungen aus dem Wahlkampf – die Lockerung des Sparprogramms und ein einseitig durchgesetzter Schuldenerlass – sind gefährlich. Aber letztlich gehen nicht einmal die griechischen Wähler davon aus, dass Tsipras die ultimative Konfrontation mit den internationalen Gläubigern suchen wird.

Was ihn zum unerwarteten Reformer machen könnte, ist die pure Notwendigkeit. Der begnadete Populist Tsipras wird den Griechen, von denen sich immer noch zu viele der Realität verweigern, unbequeme Wahrheiten zumuten müssen. Die wichtigste: Griechenland ist pleite, und wenn sich keine alternativen Geldgeber finden, muss Tsipras einlenken und auf die Troika zugehen. Es ist nur eine Frage von Wochen, bis Athen seine laufenden Kosten nicht mehr decken kann. Ist es also nicht die Vernunft, so wird es der griechische Kassenstand sein, der Syriza-Chef in einen Pragmatiker verwandelt.

Für Tsipras spricht zudem, dass er Vertrauen in der Bevölkerung genießt. Im Gegensatz zu den etablierten Parteien gilt er im Land nicht als Marionette der ausländischen Gläubiger. Wer, wenn nicht er, könnte die notwendigen Reformen durchsetzen? Die bisherige Regierung des Konservativen Antonis Samaras hat ihr politisches Kapital jedenfalls verspielt. Die Alternativen zu Tsipras sind überschaubar. Er ist der einzige Politiker, von dem kein „Weiter so!“ zu hören war. Nun haben die Wähler ihm das Mandat für eine Neuausrichtung gegeben. Schon bald werden wir sehen, was sie davon haben.