Kommentar

Das Undenkbare bleibt möglich

Richard Herzinger über die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 70 Jahren

Am Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor 70 Jahren wird der Überwindung der beispiellosen Barbarei gedacht, die das nationalsozialistische Deutschland über die Menschheit gebracht hat. Doch einen wirklichen Sieg gibt es zu diesem Anlass nicht zu feiern. Gemahnt das Datum des 27. Januar doch auch an das Versagen der ganzen zivilisierten Welt angesichts des furchtbarsten Verbrechens der Geschichte.

Die Befreiung der Konzentrations- und Vernichtungslager war ein Nebenprodukt der erfolgreichen alliierten Kriegsführung. Auschwitz wurde erst retrospektiv zum Symbol für den absoluten Zivilisationsbruch erhoben, den es unbedingt zu verhindern gelte. Keine Nation, kein politisches System kann sich daher den Triumph über das Böse an die historische Fahne heften – oder behaupten, ein für alle Mal die richtigen Lehren aus dem Unfassbaren gezogen zu haben.

Das Ungeheuerliche, das mit Auschwitz in die Welt gekommen ist, wirkt untergründig weiter. Dabei hat die Universalisierung von Auschwitz zum Geschichtszeichen, die das „Nie wieder!“ zur zivilisatorischen Maxime erhob, auch zu Illusionen über die moralische Lernfähigkeit der Menschheit geführt – und zu einer Entleerung der Erfahrung, für die dieser Name steht. Inflationär werden heute Massenverfolgungen mit Auschwitz verglichen, um ihnen die besondere Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit zu sichern. Andererseits dient der Hinweis, dieses und jenes Verbrechen reiche nicht an die Dimension von Auschwitz heran, zu oft als Vorwand fürs Wegsehen.

Weltweit blühen unterdessen Holocaustleugnung und -relativierung. In Teilen der islamischen Welt besitzen sie Züge einer Obsession, die ganze Gesellschaften beherrscht. Dass Juden in Europa wieder um ihr Leben fürchten müssen und viele die Auswanderung erwägen, ist ein Alarmzeichen dafür, dass die Wiederkehr des Undenkbaren jederzeit möglich bleibt. Die Befreiung von Auschwitz war kein wirkliches Ende.