Ärawechsel

Machtwechsel in der Wüste

Er galt als modern in einem konservativen Land. Der saudische König Abdullah ist tot. Jetzt rückt der nächste Bruder nach

Zwei der von ihm eingesetzten Kronprinzen hat König Abdullah in den neun Jahren seiner offiziellen Regierungszeit überlebt. Doch diesmal ist der Tod nicht mehr an ihm vorübergegangen. Nachdem der König vor mehreren Wochen mit Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert worden war, hat das saudische Königshaus in der Nacht zum Freitag den Tod des Herrschers bekannt gegeben.

Damit geht eine lange und ereignisreiche Ära zu Ende. Denn tatsächlich hat König Abdullah seit 1995 die Geschicke des Königreiches gelenkt, nachdem sein Halbbruder König Fahd einen schweren Schlaganfall erlitten hatte. Fahd hatte Abdullah als seinen Thronerben eingesetzt. Als ihn die Krankheit ereilte, hat Abdullah zunächst zehn Jahre im Namen Fahds regiert. Nach dem Tod des Bruders übernahm er 2005 dann auch offiziell die vollen Königswürden.

Sanfter Reformer

Abdullah gehörte mit zu den letzten verbliebenen Söhnen von Ibn Saud, des legendären Gründers des saudischen Königshauses. In seiner Jugend war Abdullah zwischen Palast und Wüste aufgewachsen, einen Teil seiner Erziehung hat er bei Beduinen genossen. Sein Vater Abdul Asis al-Saud soll einmal gesagt haben, „ich erziehe meine Kinder dazu, barfuß zu gehen, zwei Stunden vor Sonnenaufgang aufzustehen, nur wenig zu essen und auf bloßem Pferderücken zu reiten.“ Abdullah zog es auch später vor, in einfacher Beduinensprache zu reden. Nur ungern wollte er mit „Majestät“ angesprochen werden.

Saudi-Arabien ist auch heute noch eine Diktatur, die vielfach gegen Menschenrechte verstößt. Bestes Beispiel waren zuletzt die Peitschenhiebe für den saudischen Blogger und Aktivisten Raif Badawi. Aber gemessen an den Kriterien des mit dem wahabitischen Klerus liierten Königshauses galt Abdullah doch als Reformer, der versucht hatte, Saudi-Arabien behutsam in die Moderne zu führen.

Der König selbst galt nicht als großer Anhänger des wahabitischen Klerus. Er ordnete eine Überprüfung der Lehrbücher an, ließ besonders radikale Textstellen entfernen und zwang 900 Imame zu Re-Edukations-Kursen. Auf der anderen Seite war er sich stets bewusst, dass die Legitimität des Königshauses maßgeblich auf der Allianz mit den puritanischen Eiferern fußte und auf seiner Stellung als Beschützer der heiligen Stätten von Mekka und Medina. Dennoch hat Abdullah einige Reformen angestoßen. Er erlaubte Frauen, in Supermärkten zu arbeiten, ernannte eine Frau als stellvertretende Ministerin und machte den Weg für saudische Frauen frei, an Olympischen Spielen teilzunehmen. Gleich nach seinem Amtsantritt rief er ein Stipendienprogramm ins Leben, das vielen Saudis ermöglichte, im westlichen Ausland zu studieren. In der von ihm gegründeten Universität in Saudi-Arabien, die seinen Namen trägt, werden Frauen und Männer unterrichtet, was für die Kleriker nicht einfach zu akzeptieren ist.

Außenpolitisch war Abdullah ein enger Verbündeter des Westens. Er hielt an Saudi-Arabiens Stellung als Tankstelle der Welt fest und das Land blieb der entscheidende Ölproduzent, der zwar ein Interesse hatte an hohen Ölpreisen aber auf der anderen Seite auch versuchte, Schocks der Weltwirtschaft mit abzufedern. Auch in der eigenen Region versuchte Abdullah sein Land als Anker der Stabilität zu präsentieren. Die Saudis waren der maßgebliche Treiber der „Arabischen Friedensinitiative“ von 2002, die Israel eine Normalisierung der Beziehungen anbot im Gegenzug für den gänzlichen Rückzug aus dem im Sechstagekrieg von 1967 eroberten Gebieten und der Einrichtung eines Palästinenserstaates mit Ostjerusalem als Hauptstadt.

Saudi-Arabien hatte es in der Vergangenheit oft vorgezogen, im Verborgenen zu agieren und seine Führungsrolle in der Welt im Hintergrund auszuüben. In den vergangenen Jahren sah sich König Abdullah aber genötigt, diese defensive Rolle Stück für Stück aufzugeben und eine aktivere und profiliertere Außenpolitik zu betreiben. Das lag vor allem am Iran, dem klassischen Machtkonkurrenten am Golf, dem es in den vergangenen Jahren gelungen ist, seinen Einfluss deutlich auszuweiten. Neben dem Iran waren es die arabischen Revolutionen, die Riad auf den Plan riefen und in Konflikt mit der Obama-Regierung in Washington brachten. Die Saudis hielten die westlichen Hoffnungen auf Demokratie für gefährlich und naiv und sie fürchteten um die Stabilität ihrer Herrschaft im eigenen Land. In mindestens zwei Telefongesprächen hat Abdullah persönlich versucht, US-Präsident Barack Obama vor den Folgen der diversen arabischen Revolutionen zu warnen.

Kronprinzen ernannt

Um die Stabilität seines Landes zu garantieren und interne Machtkämpfe zu verhindern, hatte König Abdullah vor seinem Tod nicht nur seinen Thronfolger ernannt – seinen Halbbruder und neuen König Salman – sondern auch schon dessen neuen Kronprinzen ausgewählt, seinen 69-jährigen Bruder Mokren. Salman beteuerte, die Politik seiner Vorgänger fortzusetzen. „Wir werden an der rechtschaffenen Politik festhalten, die Saudi-Arabien seit der Gründung durch König Abdelasis angenommen hat“, erklärte er in einer TV-Ansprache. Die Rede nährte Zweifel an seinem Gesundheitszustand. Der neue Regent sprach kurzatmig und mit schwacher Stimme. Dabei war er nur schwer zu verstehen.

Kronprinz Mokren ist der jüngste Sohn von Staatsgründer Abdelasis. Zum stellvertretenden Kronprinzen ernannte der Königshof Prinz Mohammed bin Naif. Der 55-Jährige wäre im Falle einer Machtübernahme der erste Vertreter von Abdelasis’ Enkelgeneration, der auf den Thron käme.