Urteil

Aufgeschobene Auspeitschung

Saudi-Arabien hat die Bestrafung von Raif Badawi ausgesetzt - aus medizinischen Gründen

Am Abend, bevor ihr Ehemann erneut aus seiner Gefängniszelle gezerrt werden sollte, auf den Platz vor der großen Moschee in Dschidda, wo ihm ein uniformierter Beamter bereits vor acht Tagen 50 Peitschenhiebe verpasst hatte, kann Ensaf Haidar nicht mehr weinen. „Dazu habe ich keine Zeit“, sagt sie mit klarer Stimme. Geschlafen habe sie wenig in den vergangenen Wochen. Sie entschuldigt sich, dass sie nur Zeit hat für ein kurzes Interview. Zu viele Anfragen aus der ganzen Welt. Denn überall schaut man auf das Schicksal ihres Mannes, des saudischen Bloggers Raif Badawi.

Im vergangenen Sommer hatte ein saudisches Gericht den 30-Jährigen zu 1000 Peitschenhieben verurteilt. Wegen „Beleidigung des Islams“ und „Auflehnung gegen die Autoritäten“, wie es im Urteil formuliert ist. Sollte die Strafe in voller Höhe vollstreckt werden, bedeutet das einen Tod auf Raten. Über 20 Wochen hinweg sollte Badawi jeweils 50 Hiebe erhalten, immer Freitags, nach dem großen Gebet. So will es der Richterspruch.

Seitdem hatte Ensaf Hadair versucht, so viel Aufmerksamkeit wie möglich auf den Fall ihres Mannes zu lenken. Von Kanada aus, wo sie mit ihren Kindern im Exil lebt, schrieb sie Petitionen, organisierte Mahnwachen und pflegte engen Kontakt mit anderen Menschenrechtsaktivisten. Immer in der Hoffnung, dass das Urteil doch noch ausgesetzt würde. Tränen kosten da nur wertvolle Zeit, findet sie.

Jetzt scheint es, dass ihre Mühen nicht umsonst waren. An diesem Freitag sollte Badawi bereits die zweiten 50 Hiebe der Gesamtstrafe erhalten. Kurz vor der Auspeitschung meldete Amnesty International: Die Strafe ist ausgesetzt. „Aus medizinischen Gründen“, wie Ensaf Haidar bestätigte. Das war der Ausweg, auf den sie und alle Unterstützer Badawis gehofft hatten.

Heimlich Video aufgenommen

Von der ersten Auspeitschung gibt es ein Video, heimlich aufgenommen, aus einem sicheren Versteck zwischen den Zuschauern. Ensaf ist sich sicher, darauf ihren Mann zu erkennen. Die wackeligen Bilder zeigen, wie er in ein weißes Hemd gekleidet von uniformierten Männern auf den großen Platz geführt wird. Den Kopf hält Badawi gebeugt, die Augen geschlossen. Als die ersten Schläge auf seinen Rücken herabsausen, gibt er keinen Laut von sich. Das wird die ganzen 15 Minuten so bleiben. So lange dauert es, bis 50 Peitschenhiebe verteilt sind. Am Ende ruft es aus den Zuschauerreihen „Allahu Akbar“, Gott ist groß.

„Nach dem ersten Auspeitschen geht es Raif gesundheitlich sehr schlecht“, sagt Ensaf Haidar. Direkt habe sie mit ihrem Mann nicht sprechen können, weswegen sie nur habe hoffen können, dass ein Arzt sich um ihn kümmert und die tiefen Schnittwunden versorgt. Der Gefängnisarzt ist der einzige, der aus dem System heraus die Vollstreckung der Strafe zumindest vorläufig stoppen kann. Wenn er befindet, dass der gesundheitliche Zustand Badawis ein weiteres Auspeitschen nicht erlaubt, so die vor Zynismus triefende Logik des saudischen Rechtssystems, dann wird die Strafe so lange ausgesetzt, bis die Wunden ausreichend verheilt sind. Gleiches gilt, sollte Badawi während der Auspeitschung das Bewusstsein verlieren. Nun scheint der Arzt zu einem entsprechenden Ergebnis gekommen zu sein.

2008 hatte Badawi das Forum „Saudi-Arabische Liberale“ gegründet, das als Plattform für öffentlichen Meinungsaustausch über religiöse und politische Themen gedacht war. Die Behörden schoben der Diskussion schnell einen Riegel vor. Ein Jahr nach der Gründung des Magazins verhängten die Behörden ein Reiseverbot gegen Badawi und beschlagnahmten sein persönliches Vermögen. Davon unbeeindruckt ließ er von seinen Forderungen nicht ab und stand er weiter für eine öffentliche Diskussion über die Politisierung der Religion durch das saudische Establishment ein. Das war zu viel für den autoritären Staat.

Im Mai 2012 floh Ensaf Haidar mit den gemeinsamen drei Kindern Terad, Najwa und Miriam nach Kanada, wo sie politisches Asyl beantragte und erhielt. Vier Wochen später verhafteten die Behörden ihren Mann, ein Jahr später verurteilten sie ihn zu sieben Jahren Gefängnis und 600 Peitschenhieben. Ein Berufungsgericht erhöhte die Strafe auf zehn Jahre Gefängnis, 1000 Peitschenhiebe und die Zahlung einer Geldstrafe von umgerechnet 200.000 Euro.

Keine 24 Stunden, bevor Badawi das erste Mal öffentlich ausgepeitscht wurde, hatte Saudi-Arabien die Anschläge von Paris als „feigen Terrorakt, der gegen den wahren Islam verstößt“, verurteilt. Bundestagspräsident Norbert Lammert kritisierte daraufhin in einer Ansprache im Bundestag zu den Anschlägen in Paris, dass Menschenrechtsverstöße auch durch islamische Staaten begangen würden. Nicht nur durch vereinzelte Fanatiker, „auch mit staatlicher Autorität wird im Namen Gottes gegen Mindeststandards der Menschlichkeit verstoßen“, sagte Lammert am Donnerstag. Ausdrücklich verwies er dabei auf Saudi-Arabien und die Auspeitschung Badawis.