Terror

Mohammed weint – und ist jetzt auch Charlie

Das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ erscheint mit einer Auflage von drei Millionen Exemplaren. „Wir geben kein Stück nach“, erklären die Publizisten

Ein Mohammed mit einer Träne im Auge, der ein Pappschild in der Hand hält, auf dem „Je suis Charlie“ steht. Darüber der Schriftzug „Alles ist vergeben“. Diese Zeichnung des Karikaturisten Luz wird das Titelbild der neuen Ausgabe des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ zieren, das heute zum ersten Mal nach dem verheerenden Anschlag auf die Redaktion erscheint. Bei dem Terrorangriff in Paris vor einer Woche waren zwölf Menschen getötet worden – darunter acht Mitarbeiter von „Charlie Hebdo“.

Nun senden die Überlebenden der Redaktion das Signal, dass sie sich nicht dem Terror beugen. „Charlie Hebdo“, das sonst in einer Auflage von 60.000 Exemplaren erscheint, wird in dieser Woche in einer Rekordauflage von drei Millionen Exemplaren ausgeliefert werden und soll in 25Ländern erhältlich sein. In Deutschland wird die neue Ausgabe wahrscheinlich erst von Sonnabend an verkauft.

Abschied von den Toten in Israel

Seit Ende der vergangenen Woche hatten sich die Mitarbeiter des Blattes, die zum Zeitpunkt des Attentates nicht in den Redaktionsräumen waren oder auf wundersame Weise überlebt hatten in den Büros der Tageszeitung „Libération“ in einer Nebenstraße der Place de la République getroffen, um an der nächsten Ausgabe zu arbeiten. Getrieben waren sie von dem Ehrgeiz, bei aller Erschütterung und Trauer über den Verlust der Freunde und Kollegen zu beweisen, dass sich „Charlie Hebdo“ auch durch islamistischen Terror nicht davon abbringen lässt, sich über alles und jeden lustig zu machen. Auch und gerade über Religionen.

Die Entscheidung, erneut eine Karikatur des Propheten Mohammed auf das Titelbild zu setzen, ist dabei für das traditionell antiklerikale Blatt nur konsequent. Der Rechtsanwalt des Blattes, Richard Malka, erinnerte bei der Vorstellung des neuen Titelbildes daran, dass die Kritik an religiösen Autoritäten fester Bestandteil jeder der 1178 „Charlie Hebdo“-Ausgaben war, die bisher erschienen sind. „Unter all den ,Charlie Hebdo‘-Ausgaben der letzten 22 Jahre gibt es keine einzige, in der es nicht wenigstens eine Karikatur des Papstes, von Jesus, von Priestern, Rabbinern, Imamen oder von Mohammed gab. Erstaunlich wäre, wenn es diesmal keine gäbe.“

„Wir geben kein Stück weit nach, sonst hätte all das überhaupt keinen Sinn“, beschrieb Malka die Geisteshaltung der Redaktion. Der Esprit von „Charlie Hebdo“ schließe eben auch das „Recht auf Blasphemie“ mit ein, so Malka. Das bedeute jedoch keineswegs, dass man „islamophob“ sei. Die Geschichte das Magazins belege, dass man sich „seltener mit dem Islam als mit dem Christentum angelegt“ habe.

Was das neueste Titelbild aus der Feder des Karikaturisten Luz betrifft, so lässt sich diesem beim schlechtesten Willen keine islamfeindlicher Ton unterstellen. Der weinende Prophet, der sich selbst zum Charlie erklärt, im Zeichen einer Generalabsolution – bei der offen bleibt, ob der Prophet derjenige ist, der vergibt, oder ob die Vergebung auch für ihn gilt –, das ist vor dem Hintergrund der Mordtaten und der tiefen persönlichen Betroffenheit der verbliebenen „Charlie Hebdo“-Mitarbeiter eine Reaktion von größtmöglicher Barmherzigkeit.

Die immens hohe Auflage der neuen Ausgabe von „Charlie Hebdo“ soll jetzt auch dazu beitragen, den Fortbestand des Blattes zu sichern, das bereits vor dem Anschlag in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckte. Nun ist die Nachfrage immens, Bürgermeister, ganze Verwaltungen und Unternehmen haben massenweise Exemplare der neuen Ausgabe vorbestellt. Kioske, die sonst nur zwei Hefte orderten, haben nun Hunderte bestellt. Die Vertriebsfirmen verzichten diesmal zugunsten des Blattes auf ihren Anteil an den Erlösen. Bis zum 19. Januar sollen die Verkaufsstellen täglich nachbeliefert werden, um die Nachfrage decken zu können. Die Ausgabe soll insgesamt acht Wochen im Verkauf bleiben.

Unterdessen wurde um die Opfer in Paris und Jerusalem getrauert: Mit einer Zeremonie gedachte Frankreich der drei bei den Anschlägen getöteten Polizisten. „Clarissa, Franck, Ahmed sind dafür gestorben, dass wir frei leben können“, sagte Präsident François Hollande im Innenhof der Polizeipräfektur von Paris vor den in französische Nationalflaggen gehüllten Särgen. Ihnen gebühre größte Dankbarkeit. Posthum wurden die drei Beamten mit dem Orden der Ehrenlegion ausgezeichnet. An der Trauerfeier nahmen auch Hinterbliebene der Opfer teil. „Ganz Frankreich teilt Ihren Schmerz und Ihr Leid“, sagte Hollande. Die Mutter der Polizistin Clarissa Jean-Philippe brach in Tränen aus. „Wie kann man es rechtfertigen, feige eine junge Frau von 26 Jahren zu töten?“, fragte der Präsident.

Dem Begräbnis der vier jüdischen Opfer auf einem Friedhof in Jerusalem war eine bewegende Trauerfeier vorangegangen, an der Israels Staatspräsident Reuven Rivlin, Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und die französische Umweltministerin Ségolène Royal teilnahmen. Die aus Frankreich angereisten Familien gedachten weinend ihrer Angehörigen und entzündeten Fackeln. Die vier Opfer Joav Hattab, Johan Cohen, Philippe Braham und François-Michel Saada waren bei einer Geiselnahme in einem koscheren Supermarkt in Paris erschossen worden. Die Politiker warnten in ihren Ansprachen vor der Gefahr von Terrorismus und Antisemitismus.

Staatspräsident Rivlin sagte, Europa müsse härter im Kampf gegen Terror vorgehen, damit jüdische Bürger sich wieder sicher fühlen könnten. Der Terror könne zwar jeden treffen. „Aber er verfolgt vor allem das jüdische Volk“, sagte Rivlin. „Es kann nicht sein, dass Juden im Jahre 2015 Angst haben, mit einer Kippa auf die Straße zu gehen.“ Der islamistische Terror bedrohe die ganze Welt, sagte Netanjahu. „Sie sind nicht nur die Feinde der Juden.“ Juden hätten natürlich das Recht, überall auf der Welt zu leben. Gleichzeitig nannte er Israel „die eine historische Heimat, die sie immer aufnehmen wird“. Royal verlieh den Opfern posthum die höchste Auszeichnung Frankreichs, die Medaille der Ehrenlegion. „Frankreich ohne Juden wäre nicht mehr Frankreich“, sagte sie mit Blick auf den Aufruf Netanjahus, die französischen Juden sollten nach Israel emigrieren.