Extremismus

In Syrien sinkt der Rückhalt für die Terrormiliz IS

Nach außen präsentieren sich die islamistischen Kämpfer gerne als verschworene Gemeinschaft. Doch in der Organisation brodelt es

„Nun erhebt die Hände“, ruft der Imam in der Moschee von Deir Asur. „Wir wollen nun für unseren Führer Abu Bakr al-Baghdadi beten.“ Aber kaum einer der Gläubigen im überfüllten Gotteshaus folgt der Aufforderung des Geistlichen. Man blinzelt sich gegenseitig zu, und anstatt für den Chef der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zu beten, richten sich die Menschen an Allah, er möge den selbst erklärten Kalifen für alle seine widerwärtigen Verbrechen bestrafen und in der Hölle schmoren lassen. So erzählen es jedenfalls Augenzeugen der Gebete in Deir Asur.

Es ist ein stiller Protest gegen die Extremistengruppe, die seit fünf Monaten die Stadt Deir Asur im Osten Syriens besetzt hält. „Die Bewohner protestieren, genauso wie sie am Anfang gegen Baschar al-Assad protestiert haben“, erklärt Kamal, ein Aktivist der ersten Stunde für ein demokratisches Syrien. Neun Monate lang war er in den Kerkern des syrischen Regimes gefoltert worden. Als er einem Wunder gleich wieder freikam, regierten in seiner Heimatstadt die IS-Terroristen. Als Verfechter einer säkularen Staatsform steht Kamal nun auf der Todesliste der Islamisten. Trotzdem baut er an einem geheimen Netzwerk, das die grausamen Verbrechen der vermeintlichen Gotteskrieger in Deir Asur publik machen will.

„Die Bewohner hassen die Islamisten“, meint Kamal. „Denn der IS hat kein Interesse an der Stadt, seinen Menschen und an Syrien.“ Es gibt keine Medikamente, kaum Benzin oder Wasser, Strom läuft nur für wenige Stunden, und selbst die nötigsten Lebensmittel sind für die Zivilbevölkerung knapp. Hauptsächlich syrische IS-Kämpfer würde man an die vorderste Frontlinie schicken und dort regelrecht verheizen. Hunderte seien beim Kampf um den Militärflughafen der Stadt getötet worden. Er ist der letzte Außenposten des Assad-Regimes in der Region. Die ausländischen IS-Mitglieder würden dagegen beim Fronteinsatz geschont.

Der 24-jährige Kamal und viele seiner Freunde sind überzeugt, die Terrormiliz IS wird höchstens noch ein halbes Jahr, vielleicht neun Monate durchhalten. Die ersten Zerfallserscheinungen hätten begonnen: Rund 300 unzufriedene Kämpfer habe die Extremistengruppe in den vergangenen vier Wochen in Deir Asur verhaftet. „Die Kritik wächst“, glaubt Kamal, „und irgendwann kann der IS sie nicht mehr kontrollieren.“

In Rakka regieren die Ausländer

Aus Rakka, der Hauptstadt des vermeintlichen Kalifats, kommen ähnliche Berichte – und diese sind noch alarmierender. Die Bewohner fühlen sich in ihrer eigenen Stadt nicht mehr zu Hause. „Rakka ist keine syrische Stadt mehr“, beschwerte sich ein Familienvater. „Es regieren die Ausländer, von denen die meisten kein Arabisch sprechen.“ Auch hier wurden viele Hundert IS-Krieger verhaftet. Kämpfer aus dem Ausland wollten die Terrorgruppe Richtung Heimat verlassen, der zuvorkommenden Behandlung zum Trotz.

Darunter sollen Briten, Franzosen und auch Deutsche gewesen sein. Vier türkische Kämpfer sind an der syrischen Grenze kurz vor dem Übertritt geschnappt worden, wie ein IS-Propagandavideo zeigt. Diese ausländischen Kämpfer sind desillusioniert. Sie waren gekommen, um das Assad-Regime zu bekämpfen. Aber nun müssen sie gegen die ganze Welt kämpfen und sterben dabei reihenweise. Sie marschieren gegen Kurden, Jesiden, Christen, den Irak, die Vereinigten Staaten und die anderen Länder der Koalition.

Attentate gegen die Terrororganisation sollen zwei Aserbaidschaner geplant haben. Ihnen seien die Kalifatanhänger nicht radikal genug gewesen, sagten die beiden Männer in Videos, die der IS nach ihrer Festnahme im Internet veröffentlichte. Noch extremistischere Islamisten als die vom IS hätte man kaum für möglich gehalten. Aber es gibt sie. Ob die veröffentlichten Geständnisse der beiden Aserbaidschaner der Wahrheit entsprechen, ist unklar. Eines ist aber sicher: Innerhalb der Terrorgruppe IS kracht es gewaltig. „Wir wissen, dass auch tschetschenische IS-Kämpfer unzufrieden sind und eine Rebellion planen, aus religiösen wie militärischen Gründen“, sagt ein Mitglied des geheimen Netzwerks RSS. Das Kürzel steht für Raqqa is being slaughtered silently, also: Rakka wird in aller Stille hingeschlachtet. Die Gruppe sammelt Informationen über Gräuel vom IS.

Eine Revolte der Tschetschenen wäre eine Gefahr für Baghdadi. Sie sind durch den Krieg gegen Moskau erfahren, mit etwa 5000 Mann stellen sie mindestens zehn Prozent der IS-Kämpfer. „Für sie ist die IS-Führung viel zu sanft im Umgang mit den Feinden“, erklärt der RSS-Mann. „Wer nicht mit ihnen kämpft, ist ein Feind. Muslime, die keine Waffe in die Hand nehmen, sind Ungläubige.“

Seit August gab es über 1400 Luftangriffe gegen die Islamisten im Irak und Syrien. „Wir bearbeiten diese Terroristen“, sagte US-Präsident Barak Obama letzte Woche, als er Resümee über die Operationen im Irak und Syrien zog. „Wir erledigen ihre Kämpfer, ihre Kommandeure, Hunderte von ihren Fahrzeugen und Panzern, fast 200 Öl- und Gasförderungen, also die Infrastruktur, die ihren Terror finanziert, dazu mehr als tausend ihrer Stellungen, Checkpoints, Gebäude und Kasernen.“ Eine Bilanz, die sich sehen lassen kann, obwohl die Vereinigten Staaten, als Anführer der internationalen Koalition, weitaus mehr tun könnten. Vielleicht hat Kamal aus Deir Asur doch recht: Mit der Terrorgruppe IS dauert es höchstens noch sechs bis neun Monate.