Kommentar

Moskau zwischen Not und Elend

Olaf Gersemann über die Rubel-Krise in Russland

Unverwüstlich und kraftvoll: Das Image von Bruce Willis war Russlands Trust National Bank gerade recht. Deshalb machte sie den Hollywood-Star zu ihrer Werbefigur. Genützt hat es nichts: Die russische Großbank musste zu Wochenbeginn vom Staat gerettet werden, nachdem Kunden ihre Konten räumen und die Rubel zu Euro und Dollar machen wollten. Ein „Bank Run“ ist immer auch ein Misstrauensvotum, das aussagekräftiger ist als jede Meinungsumfrage. Im Falle der Trust National Bank war das Regime von Präsident Wladimir Putin der Adressat: Zumindest Teile des städtischen Bürgertums glauben nicht länger, dass der Kreml in der Lage ist, den Verfall des Rubels aufzuhalten.

Russland würde vielleicht den drastischen Verfall des Ölpreises verkraften. Und ebenso die Finanzsanktionen von Amerikanern und Europäern. Beides zusammen aber bildet eine tödliche Mixtur. Die Sanktionen führen dazu, dass ausländische Banken dem Staat wie den Unternehmen kein Geld mehr leihen. Fällig werdende Verbindlichkeiten können nicht mehr mit neuen Krediten beglichen werden, das Geld muss tatsächlich zurückgezahlt werden. Dies würde vielleicht unter anderen Umständen gelingen. Doch die Einnahmen aus dem Öl- und Gasexport brechen weg – während die Zentralbank in einem bedrohlichen Tempo den Devisenschatz plündert, um den Rubel-Absturz zu bremsen.

Die Zentralbank stemmt sich mit einem aberwitzig hohen Leitzins gegen die Währungsabwertung – treibt die Wirtschaft damit aber tiefer in die Rezession. Helfen können Russland nur noch zwei Dinge: Entweder der Ölpreis steigt wieder. Oder die Sanktionen werden aufgehoben. Mit deutlich steigenden Ölpreisen ist einschlägigen Prognosen zufolge vorerst nicht zu rechnen. Bleiben die Sanktionen. Ihre Aufhebung wäre das einzige Mittel, das noch wirklich helfen könnte und das Putin beeinflussen kann – durch einen Abzug aus der Ostukraine.

Ob Putin diese Zusammenhänge begreifen will, steht dahin. Zuletzt verkündete er, „der positive Trend“ der russischen Wirtschaft werde sich „sicher fortsetzen“. Und: „Wir müssen uns auf die Unterstützung der wirklich bedürftigen Bürger konzentrieren.“ Die Bürger versuchen längst, sich selbst zu helfen. Gerade wurde bekannt, dass in St. Petersburg die Ausgabe von U-Bahn-Münzen rationiert wurde. Die Menschen aber wollen sich vor weiteren Wertverlusten des Rubels schützen – und haben begonnen, die als Tickets geltenden Münzen zu horten.