Außenpolitik

„Wie ein Affe im Urwald“

Nordkorea beleidigt Obama im Streit um den Film „The Interview“ und droht mit Gegenschlag

Im Streit über die Nordkorea-Satire „The Interview“ hat Pjöngjang US-Präsident Barack Obama am Sonnabend rassistisch beleidigt und mit „tödlichen Schlägen“ gedroht. Obama habe sich mit seinem Drängen auf ein Zeigen des Films in den US-Kinos rücksichtslos „wie ein Affe im Urwald“ verhalten, erklärte am Sonnabend die mächtige Nationale Verteidigungskommission (NDC). Die Staatsführung warf Obama vor, Kinos gezwungen zu haben, den Film zu zeigen, während Sony Pictures aus Angst vor einem Vergeltungsschlag darauf habe verzichten wollen. Obama sei damit in dieser Angelegenheit der Hauptschuldige.

Symbol für die Meinungsfreiheit

Ein NDC-Sprecher wies zugleich Vorwürfe der USA zurück, Nordkorea stecke hinter einem Cyber-Angriff auf Sony Pictures. Dabei hatten Hacker im November viele vertrauliche Firmendaten erbeutet und veröffentlicht. Die Aktion war nach ihrer Darstellung eine Reaktion auf die Filmkomödie. In dieser geht es um fiktive Pläne zur Ermordung des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-un. Nordkorea hatte den Film als „Kriegshandlung“ gebrandmarkt. In den USA ist „The Interview“ hingegen zu einem Symbol für die Presse- und Meinungsfreiheit geworden. Sony Pictures sagte nach Terrordrohungen von Hackern die Premiere zunächst ab.

Nach scharfer Kritik Obamas und der Filmbranche vollzog das Unternehmen aber eine Kehrtwende. Über Weihnachten zeigten nun mehr als 300 Kinos in den USA den Film ohne Zwischenfälle. Viele Vorstellungen waren ausverkauft. In den USA konnte der Streifen gegen Gebühr auch im Internet auf Google Play, YouTube Movies sowie einer Sony-Webseite angeschaut werden. Wie in China und Südkorea, wo der Film auf illegalen Webseiten abrufbar war, haben damit Hunderttausende den Film gesehen. Nach Angaben von Sony Pictures hat die Komödie mehr als eine Million Dollar eingespielt. Die Produktion des Films kostete allerdings 44 Millionen Dollar.

Der Sprecher der Nationalen Verteidigungskommission beschuldigte die USA am Sonnabend abermals, Nordkorea „ohne klare Beweise“ die Terrordrohungen und den Hackerangriff auf Sony vorzuwerfen. Wenn Washington weiter an seinem „arroganten und verbrecherischen“ Kurs festhalte, werde Pjöngjang „der gescheiterten Politik mit unentrinnbaren tödlichen Schlägen begegnen“, drohte er. Laut einem Bericht der amtlichen Nachrichtenagentur KCNA macht er Washington überdies für mehrere massive Internetstörungen verantwortlich, von denen zahlreiche Medien-Websites des autoritär-kommunistisch regierten und international weitgehend isolierten Nordkoreas am Montag betroffen waren. Dies sei ein „kindischer Streich“ gewesen.

Vielen Nordkoreanern dürfte der Ausfall des Internets aber ohnehin nicht aufgefallen sein. Das Regime verwehrt dem Großteil der Bevölkerung den Zugang zum World Wide Web. Der auf Internet-Sicherheitsthemen spezialisierte Dienst Arbor Networks sieht keine Verwicklung der USA in die Internetstörungen: „Die Internet-Infrastruktur in Nordkorea ist nicht so beeindruckend, es ist also nicht so, dass eine super-ausgefeilte Attacke nötig ist, um sie auszuschalten.“

Wenn es um das Internet in Nordkorea geht, könnten die Gegensätze im Land nicht größer sein. Nach Angaben der Regierungen Südkoreas und der USA rüstet sich Nordkorea schon seit Jahren für einen Cyberkrieg, speziell gegen die beiden Länder. Die südkoreanische Regierung in Seoul schätzt die Zahl der nordkoreanischen „Cyber-Krieger“ auf 5900. Je nach Quelle wird deren Zahl aber niedriger oder höher vermutet. Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un sieht zudem im Aufbau eines IT-Sektors ein wichtiges Instrument für die Entwicklung des Landes. Firmen in Nordkorea erhalten seit Jahren aus dem Ausland IT-Outsourcing-Verträge, bei denen Projekte auf externe Dienstleister übertragen werden. Gut ausgebildete IT-Spezialisten in Nordkorea programmieren auf diese Weise etwa 3-D-Animationen.

Auf der anderen Seite lebe der Großteil der Bevölkerung „virtuell isoliert“, sagen westliche Besucher. Die Aktivitäten der Menschen werden streng kontrolliert – das gilt vor allem, wenn es um Informationen von außen geht. Nordkoreanische Flüchtlinge erzählen, sie wüssten, dass es Computer gebe. Auch hat sich die Zahl der Computer und Handys in dem Land in den vergangenen Jahren stark erhöht. Doch die meisten Bewohner haben noch nie im Internet gesurft. Nur eine kleine Zahl einer zur Elite zählenden Gruppe hat Internetzugang.

Die USA, Südkorea und Japan wollen künftig Geheimdienstinformationen über Nordkorea austauschen. Damit solle schneller auf jegliche Provokation des abgeriegelten kommunistischen Landes reagiert werden, teilten Regierungsbeamte am Freitag in Südkorea mit. Einen entsprechenden Vertrag über diese Kooperation wollen die stellvertretenden Verteidigungsminister am Montag unterzeichnen. Bisher unterhalten die USA mit Japan und Südkorea separate, bilaterale Abkommen über Geheimdienstkooperationen. Südkoreanische Beamte teilten weiter mit, Nordkorea habe offenbar Fortschritte bei der Produktion atomarer Sprengköpfe gemacht. Diese seien nun kleiner und leichter und könnten auf Raketen angebracht werden, die in der Lage sind, die USA zu erreichen. Gerade die Nutzung japanischen Geheimdienstmaterials werde die Überwachung von Nordkorea deutlich voranbringen, hieß es weiter.

Neue Verbündete

Nordkorea hat bisher drei Atomtests unternommen, den jüngsten im Februar 2013. Tokio und Seoul haben bisher keine bilateralen Verträge über den Austausch von Geheimdienstinformationen. Das ist teilweise eine Folge der japanischen Besatzungszeit auf der Halbinsel Korea zwischen 1910 bis 1945. Sowohl Japan als auch Südkorea sind Verbündete der USA, Zehntausende US-Soldaten sind in beiden Ländern stationiert.