Gastbeitrag

Integration gelingt

Bischof Markus Dröge über Flüchtlinge und die Liebe Gottes

Ein Flüchtlingsschicksal mit weltpolitischen Dimensionen. Der Evangelist Lukas, Autor der Geschichte vom Stall in Bethlehem, ordnet die Geburt Jesu in die weltgeschichtlichen Zusammenhänge der römischen Politik ein: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von Kaiser Augustus ausging …“ Provozierend stellt Lukas dem durch Volkszählungen, Besatzungsmacht und martialische Gerichtsbarkeit gefestigten Reich des Augustus ein Friedensreich gegenüber, das in der Krippe eines Neugeborenen beginnt. Friede entsteht nicht dort, wo ein Herrscher sein Reich sichert, sondern dort, wo in einem hilflosen Flüchtlingskind die Liebe Gottes entdeckt wird.

Im ausgehenden Jahr 2014 ist das Flüchtlingsthema nie aus dem Bewusstsein gewichen. Die Nachrichten aus Syrien und dem Nordirak und die Schreckensbilder der Opfer eines selbst ernannten „Islamischen Staates“ haben das Jahr begleitet. Und wer seit dem Filmstart im Oktober das Werk von Fatih Akin „The Cut“ über den armenischen Genozid des Jahres 1915 gesehen hat, der kam nicht umhin, daran zu denken, dass das Schicksal von Frauen und Kindern, die in die Wüste getrieben werden, auch heute grausame Gegenwart ist.

In Berlin ist die Welt zu Hause. Und damit auch die Probleme der Welt. In der Stadt, die beim Mauerfall vor 25 Jahren eine große Befreiung erlebt hat, hoffen Menschen aus den Kriegs- und Krisengebieten der Welt auf Aufmerksamkeit, Anerkennung und Hilfe. Und wir tun uns schwer, in angemessener Weise darauf zu reagieren. Auf der einen Seite beeindruckende Hilfsbereitschaft von Initiativen, Kirchengemeinden, Mitarbeitenden von Caritas und Diakonie. Auf der anderen Seite ängstliche Abschottung und unverhohlen geäußerte Ablehnung der Fremden. Das Phänomen Pegida in Dresden offenbart die Existenzangst einer nicht unerheblichen Zahl von Menschen. Ihnen fehlt das Vertrauen, dass Menschen fremder Kultur und Religion wirklich gut zu integrieren sind. Die Fakten sprechen eine andere Sprache. Integration gelingt in Deutschland immer besser. Das zeigen die Integrationsberichte der Bundesregierung. Untersuchungen machen klar, dass integrierte Zuwanderer keineswegs die Volkswirtschaft belasten, sondern dringend gebraucht werden. Und trotzdem macht sich die „German Angst“ breit, das dumpfe Gefühl einer unbegründeten, diffusen Furcht. Von außen sieht man uns Deutsche völlig anders. Eine wirtschaftlich starke Nation, die gelernt hat, mit ihrer Schuldgeschichte umzugehen, die Konflikte im öffentlichen Meinungsstreit klärt und in der die Demokratie gefestigt ist. Von Deutschland wird viel erwartet. Wenn ich die Partnerkirchen unserer Landeskirche besuche, wie in Ägypten, oder wenn ich Geistliche aus den Krisengebieten in Berlin treffe, wie Bischöfe aus Syrien, dann schlägt mir Sympathie, Anerkennung und Vertrauen entgegen. Und die große Erwartung, in Deutschland und besonders in Berlin ein offenes Ohr zu finden.

Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung driften offensichtlich auseinander. Zu selbstverständlich wird bei uns das genommen, was andere als geradezu paradiesischen Zustand ersehnen. Eine freie, offene und tolerante Gesellschaft ist ein hohes Gut, für das es sich lohnt, zur Wahlurne zu gehen und sich in aktivem Bürgerengagement einzusetzen. Wir haben etwas zu verteidigen, in unserem Land und in Europa. Die christlichen Kirchen stehen für die Werte ein, die unsere Kultur prägen. Das christliche Abendland wird aber nicht verteidigt, indem es sich abschottet, sondern indem es die Werte lebt, die es proklamiert: Achtung der Würde jedes einzelnen Menschen, Nächstenliebe und Hilfestellung für den, der in Not ist.

Die Weihnachtsbotschaft rührt das Herz an. Aber Weihnachten ist mehr als nur die gefühlte Sehnsucht nach einer besseren Welt. Der Evangelist stellt das Kinderschicksal in weltpolitische Dimensionen. „Fürchtet euch nicht, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk wiederfahren wird!“ Im Jahr 2014 trifft die Weihnachtsbotschaft auf eine unruhig gewordene Welt. Und wieder verkündet sie provozierend ihr Friedenskonzept: Friede beginnt nicht dort, wo Willkürherrscher ihr Reich ausbreiten. Friede beginnt dort, wo in einem hilflosen Flüchtlingskind die selbstlose Liebe Gottes entdeckt wird.