Integration

Das erste Weihnachtsfest

Grünen-Chef Cem Özdemir wusste als Kind nicht, wie der Heilige Abend begangen wird – bis zu einer Einladung

Das Foto, das Cem Özdemir, 49, auf den Tisch legt, zeigt einen Mann und eine Frau, sie knien vor einem Tannenbaum mit Lametta, Kerzen und ein paar Kugeln. Der Mann sieht seinem Sohn ähnlich, die Augen, die markante Nase. Er schaut zufrieden und etwas schüchtern in die Kamera. Die Frau wirkt gut gelaunt und trägt ein schwarzes Kleid. Es ist hochgeschlossen, lässt aber viel von ihren Beinen frei. Das Foto zeigt die Gastarbeiter Abdullah und Nihal Özdemir, wie sie Ende der 60er-Jahre in Bad Urach in Baden-Württemberg versuchen, Weihnachten zu feiern.

„Man beachte auch die religiös-fundamentalistische Kleidung meiner Mutter bei der Abhaltung dieser islamistischen Zeremonie“, sagt Cem Özdemir. Der Grünen-Vorsitzende sitzt in seinem Büro im Bundestag und sagt diesen Satz mit ernstem Gesicht. Ihm ist nicht nach Spaß zumute, also versucht er es mit Ironie. Özdemir hat dieses Foto ins Internet gestellt, auf Facebook wurde es fast 40.000 Mal geliked, auf Twitter rund 1400 Mal retweeted. Ein sehr erfolgreicher Tweet für einen Politiker. Er hat dieses Foto kurz vor Weihnachten rausgekramt, um es gegen Pegida einzusetzen. Özdemir kann einfach nicht verstehen, dass jeden Montag 17.500 Menschen in Dresden auf die Straße gehen und gegen die vermeintliche Islamisierung des Abendlandes demonstrieren. „In Dresden gibt es ja kaum Muslime“, sagt er. Mit dem Foto seiner Eltern wollte er zeigen, „dass es ,die Muslime‘ ebenso wenig gibt, wie es ,die Christen‘ gibt. Wenn ich jetzt diese Pegida-Leute höre, welche Vorstellungen die von Einwanderern haben.“ Özdemir zeigt auf das Foto. „Auch so sehen Muslime aus.“

Ein Fest voller Rätsel

Das Foto ist etwa 1968 entstanden, glaubt Özdemir. Sein Vater Abdullah kam 1963 aus der Türkei nach Deutschland, seine Mutter Nihal 1964. Sie lernten sich erst in der neuen Heimat kennen. Er arbeitete zunächst in einer Spinnerei, später produzierte er Feuerlöscher. Sie fing in einer Papierfabrik an, später eröffnete sie eine Änderungsschneiderei. Ihr Sohn Cem wurde 1965 geboren. Und Weihnachten war für den kleinen Cem ein Fest voller Rätsel. Seine Freunde und Schulkameraden waren dann weg. Bad Urach bei Reutlingen im Zentrum von Baden-Württemberg gehört zu einer protestantisch geprägten Region. Da bleibt man an hohen Feiertagen unter sich. Cem Özdemir sah Kerzen und Tannenbäume hinter den verschlossenen Fenstern. Er wusste nur: Etwas Geheimnisvolles ging in den Häusern seiner Freunde vor. Die Weihnachtsbotschaft mit dem Kind in der Krippe habe er eigentlich auch so verstanden, dass man da sein Herz öffnet und nicht etwa die Türen verrammelt, sagt Özdemir. Das sei immer eine schwierige Zeit für ihn gewesen. „Ich war natürlich wahnsinnig neugierig und habe immer gehofft, dass jemand mich mal einlädt.“

Seine Eltern schenkten ihm zwar immer etwas zu Weihnachten und stellten auch einen Baum auf. „Damit ich nicht das Gefühl habe, irgendwie benachteiligt zu sein gegenüber meinen christlichen Freunden“, sagt Özdemir. Doch so richtig war den Özdemirs nicht klar, wie die Deutschen das Fest begehen. Manchmal schalteten die Özdemirs dann den Fernseher an, doch auch der gab keine Antworten.

Cem Özdemirs Mutter stammt aus Istanbul. Und in der Weltstadt feierte ihre Familie die Festtage der Nachbarn mit. Sie wuchs in einer Gegend auf, in der auch Armenier, Griechen und Juden wohnten. Doch natürlich war Weihnachten unter Christen in Istanbul etwas anders als in Bad Urach. Das deutsche Fest blieb für die Özdemirs schwer durchschaubar.

Doch eines Tages passierte es dann: Cem Özdemir wurde von den Eltern seines Freundes Hartmut eingeladen, den Heiligen Abend mit ihnen zu verbringen. „Ich war natürlich unheimlich erfreut und sehr gespannt darauf, was am 24. abends passiert.“ Es wurde gesungen. Und Özdemir machte mit. Wie man halt Weihnachtslieder singe, wenn man zu keinem Lied den Text richtig kenne, sagt er. „Es war trotzdem sehr schön.“ Als dann Zeit für die Bescherung war, dachte er: „Für mich gibt es jetzt kein Geschenk, ich bin ja auch nicht Teil der Familie.“ Und dann gab es doch etwas. „Das weiß ich auch heute noch genau“, sagt Özdemir. „Das waren Nüsse, Mandarinen und ein Wandkalender. Da habe ich mich unglaublich gefreut.“

Özdemir findet es komisch, dass es damals keinen Leitfaden für Gastarbeiter gab. „Das gibt es ja heute noch immer nicht: ein Handbuch, das allen Menschen, die gerade nach Deutschland gekommen sind, erklärt, welche Bräuche und Traditionen es gibt, wie sich Bayern von Sachsen unterscheiden“, sagt Özdemir. So ein Handbuch sollte eine Selbstverständlichkeit in einem Einwanderungsland sein.

Heute feiert Özdemir Weihnachten, wie es wohl die meisten Deutschen tun. Die Weihnachtslieder sind längst kein Problem mehr. „Da ich ja gelernter Erzieher bin, ist mein Liederrepertoire ganz passabel“, sagt er. Vor dem Heiligen Abend sucht er einen Nachbarn, der den Weihnachtsmann spielt. Das sei nicht immer einfach, sagt Özdemir. „Die Kinder sollten den ja nicht erkennen.“

Zuletzt hat er sogar die alten Weihnachtskugeln, die in seiner Kindheit am Baum hingen, nach Berlin geholt. „Der Schwabe recycelt ja gerne“, sagt Özdemir. Wobei die meisten Kugeln kaputt waren. „Ich will auch gar nicht wissen, aus welchem Material die waren, war ja alles nicht so öko damals.“ Und dann geht der Grünen-Politiker mit seinen beiden Kindern jedes Jahr den Baum kaufen. „Der Muslim in der Familie kauft den Weihnachtsbaum“, sagt er und lacht. Sie gehen immer zum selben Händler in Berlin und bringen den Baum in die Wohnung, die in Kreuzberg liegt, ganz in der Nähe des Kottbusser Tors.

Doch der Berliner Baumverkäufer werde sie dieses Jahr vermissen, sagt Özdemir. Zum ersten Mal wird er das Fest ohne seine Kinder verbringen. Tochter Mia Rasha, 9, und Sohn Vito Yunus, 5, sind schon mit der Mutter Pia Castro, die italienische Vorfahren hat, in ihr Heimatland Argentinien geflogen. Özdemir wird in Deutschland bleiben und sich um seine Eltern kümmern. Und wird auch Zeit mit Freunden in seinem Wahlkreis verbringen.

Ein kultureller Muslim

Die schönsten Weihnachtsgeschenke bekomme er übrigens immer von seinen Kindern, sagt Özdemir. Vor ein paar Jahren hat ihm seine Tochter eine selbstgebastelte Gitarre geschenkt, aus Pappe, mit sechs Schnüren als Saiten. Da hatte sie gerade selbst mit dem Gitarrespielen angefangen. Die Kleine dachte, der Vater könnte auch so ein schönes Instrument besitzen. „Weil sie gehört hat, dass der Papa zum Gitarrelernen immer zu faul war“, sagt Özdemir, der das Geschenk für alle gut sichtbar in seinem Regal im Bundestagsbüro aufgestellt hat.

Cem Özdemir definiert sich selbst als kulturellen Muslim. „Ich bin kein Atheist“, sagt er, „aber ich praktiziere auch nicht.“ Agnostiker treffe es eher. Die Kinder erziehen er und seine Frau so, dass sie von allen Weltreligionen etwas erfahren. Er war mit ihnen in evangelischen und katholischen Kirchen, in Moscheen und Synagogen.

Schon die Hochzeit von Cem Özdemir und Pia Castro war multireligiös. Die Trauung fand in Washington statt, wo seine Frau als Korrespondentin arbeitete. Kennengelernt hatten sich die beiden bei einem Interview. „Das war alles sehr gemischt“, sagt Özdemir. Die katholischen Eltern von Pia Castro aus Argentinien waren dabei und Özdemirs muslimische Eltern aus Deutschland. Zusätzlich noch Freunde aus Griechenland, auch alevitische oder sunnitische Freunde.

Und dann betrachtet er noch einmal das Foto seiner Eltern, wie sie da vor dem heimischen Weihnachtsbaum sitzen. Er kommt noch mal auf Pegida zu sprechen. Die Stärke Deutschlands sei die offene Gesellschaft, sagt er. „Die hat unser Land groß und reich gemacht.“ SPD-Chef Sigmar Gabriel hat vor ein paar Tagen gesagt, man müsse mit den Pegida-Demonstranten einen Dialog führen. Das sieht der Grünen-Chef anders. „Ich kenne die ja nicht“, sagt Özdemir. Die Anführer seien jedenfalls sehr einschlägig in ihren Äußerungen. „Standrechtlich erschießen, sagt Lutz Bachmann über die Grünen. Mit dem ist nicht zu diskutieren“, sagt Özdemir. „Der hat doch einen kräftigen Knick in der Optik.“