Kirche

„Maria ist eine Powerfrau“

EKD-Chef Heinrich Bedford-Strohm sieht in der Mutter Jesu eine der ersten Sozialrevolutionäre

In vielen Darstellungen vor allem in der Weihnachtszeit wird Maria eher in einem fast romantischen Zusammenhang dargestellt. Duldend und eher passiv kniet die Mutter des Gottessohnes an der Seite der Krippe. Doch der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche, Heinrich Bedford-Strohm, zeichnet ein ganz anderes Bild der Frau, die den Messias geboren hat.

Berliner Morgenpost:

Herr Bedford-Strohm, als Maria mit Jesus schwanger ist, singt sie über Gott: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Er übt Gewalt mit seinem Arm.“ War Maria eine Revolutionärin?

Heinrich Bedford-Strohm:

Maria nimmt Realitäten in den Blick und wirbelt sie gewaltig durcheinander. Das verschwindet manchmal hinter der Romantisierung, die man mit Weihnachten verbindet. Deshalb muss immer wieder darauf hingewiesen werden, dass die gute Botschaft des Evangeliums keine Wohlfühlbotschaft ist, sondern uns kritisch infrage stellt und gerade dadurch weiterbringt.

Lässt sich an diesen sozialrevolutionären Geist heute anschließen?

Reduzieren lässt sich die christliche Botschaft auf diese Stoßrichtung alleine nicht.

Aber sie gehört dazu.

Maria sagt all das im Rahmen einer tiefen Gottesbeziehung. Die dann Konsequenzen hat für das soziale Leben. Denn der Kern des christlichen Glaubens ist das Doppelgebot der Liebe: Gott lieben und den Nächsten lieben. Deshalb kommt in vielen biblischen Texten die Option für die Armen zum Ausdruck.

Was hieß das bei den frühen Christen, die solche Lieder gesungen haben dürften?

Sie haben die soziale Dimension des Glaubens sehr deutlich wahrgenommen und gelebt. Zwar bezweifeln heute viele Bibelwissenschaftler, dass die frühen Christen tatsächlich alle Güter so konsequent geteilt haben, wie es die Apostelgeschichte erzählt. Aber auch wenn das Leben die Ansprüche nicht durchweg erfüllt hat – es gab diese Maßstäbe. Menschen, die im Geist Jesu Christi zusammenleben, müssen bereit sein zu teilen. Das heißt heute, dass die Freiheit eines Christenmenschen sich auch auf seinen Geldbeutel bezieht.

Jene kämpferische Maria müsste Protestanten doch sympathisch sein. Eine evangelische Ablehnung der Marienverehrung passt dazu schlecht.

Sie unterschätzen die ökumenische Bedeutung von Maria. Ich kenne viele evangelische Christen, zumal Frauen, die sehr genau auf Maria als Powerfrau schauen.

Aber viele Frauen ärgert, dass mit der These von der Jungfrauengeburt eine Geringschätzung weiblicher Sexualität einhergehe.

Daher kommt es darauf an, wie man Maria interpretiert. In der neueren Theologie wird Maria keineswegs auf die Jungfrauengeburt reduziert.

Schlecht zu Marias wildem Gesang passt die stille Rührseligkeit, mit der Weihnachten heute in der westlichen Welt weithin gefeiert wird.

Deshalb muss in den Predigten und Gebeten zu Weihnachten die gesellschaftliche Realität vorkommen. In diesem Jahr zumal die Flüchtlinge, für die wir beten müssen. An ihnen zeigt sich, dass Weihnachten nicht nur Romantik ist. Man sollte es aber auch nicht schlechtmachen, dass Menschen zu Weihnachten eine tiefe Sehnsucht nach Frieden und Konfliktüberwindung auch im persönlichen Leben mit in die Kirche bringen. Sie gehen mit jener Sehnsucht an den richtigen Ort, weil dort eine wunderbare Botschaft zu hören ist von einem kleinen Kind, von einem Menschen, der dann am Kreuz stirbt und wieder auferweckt wurde. Dies zeigt uns, dass Gott diese Welt nicht alleinlässt und Gewalt nicht das letzte Wort hat.

Aber dafür interessieren sich die Leute nur an drei Tagen im Jahr.

Ich halte nichts von einer Diffamierung der angeblichen „Weihnachts-christen“. Die Leute wissen genau, warum sie in die Kirche gehen. Sie spüren, wohin sie gehen müssen, wenn sie über ihre aktuelle Situation hinaus nach vorn schauen wollen. Und ich lade alle dazu ein, es auch sonst im Jahr mit Gottesdiensten wieder neu zu versuchen. Es ist eine Chance, wenn es einen festen Tag in der Woche gibt, an dem man über sich selbst nachdenken kann, über Schuld und Vergebung. Man kann sich etwas sagen lassen, von der Bibel und in der Predigt. Man kann an andere denken.

Gottesdienste ermöglichen Traurigkeit?

Sie ermöglichen es, in einem tiefen Sinne froh zu werden. Denn dies hat zur Voraussetzung, Not und Leid anzuerkennen, bei mir selbst und anderen. Ohne das wäre Freude bloß Happiness, aber Happiness ist nicht die christliche Freude. Die weiß vom Kreuz.

Marias triumphaler Gesang knüpft an alttestamentliche Weissagungen an. Daraus leiten Christen ab, dass Jesus die Erfüllung jüdischer Hoffnungen sei. Diese Vorstellung aber wird von Juden nicht akzeptiert.

Die christliche und die jüdische Religion sind nicht identisch. Zwar sind sie eng verbunden, weil der Gott, zu dem Jesus Christus gebetet hat, der von Abraham und Sarah ist. Aber selbstverständlich ist Jesus für Christen nicht der gleiche wie für Juden. Darüber tauschen wir uns im jüdisch-christlichen Dialog aus, wo wir viel voneinander lernen, aber auch zu unterschiedlichen Deutungen kommen.