Gewalt

Autoattacke in Dijon war keine „terroristische Tat“

Psychisch kranker Einzeltäter statt Islamist. Staatspräsident François Hollande warnt vor Panik

Zwei Gewalttaten binnen zweier Tage, verübt von zwei völlig unterschiedlichen Tätern – und doch stellt sich ganz Frankreich nur eine Frage: Kann sich das Land vor islamistischen Angriffen schützen? Eine Attacke im ostfranzösischen Dijon schockierte besonders: Ein Mann war unter „Allahu akbar“-Rufen absichtlich mit seinem Auto in mehrere Fußgängergruppen gerast und hatte 13 Menschen verletzt. Die Erleichterung, dass der Täter kein Islamist, sondern ein psychisch kranker Einzeltäter war, konnte über die Angst vor genau solchen Angriffen nicht hinwegtäuschen.

Den ersten Angriff am Sonnabend auf drei Polizisten im zentralfranzösischen Joué-lès-Tours hatte ein radikal-islamischer 20-Jähriger ausgeführt, der mit der für ihre Gräueltaten in Syrien und im Irak bekannten Extremistenmiliz Islamischer Staat sympathisiert. Die Regierung in Paris war daher am Montag alles andere als beruhigt, auch wenn sie beschwichtigte: Präsident François Hollande warnte vor „Panik“, sein Innenminister Bernard Cazeneuve hämmerte den Franzosen ein: „Gegen die Angst zu kämpfen, heißt gegen den Terrorismus zu kämpfen.“

Denn Sonntagabend gegen 20 Uhr war genau das passiert, was der Albtraum der französischen Sicherheitsbehörden im Kampf gegen die Islamisten ist: Mit einem Auto als Waffe war ein Mann in der Innenstadt des malerischen Dijon im Burgund in Fußgängergruppen gerast – absichtlich, mehrfach, eine halbe Stunde lang. Bei seiner Festnahme rief der 40-Jährige im langen arabischen Gewand „Allahu akbar“ (Gott ist groß).

Was zunächst wie ein möglicher, zweiter islamistischer Angriff aussah – ganz nach den Anweisungen von IS –, stellte sich am Montagnachmittag dann als die Tat eines „psychisch schwer Kranken“ heraus. 157 Mal sei der in Straßburg geborene Franzose in den vergangenen Jahren in psychiatrischer Behandlung gewesen, der frühere Drogenabhängige leide unter einem „mystischen Wahn“, trug Staatsanwältin Marie-Christine Tarrare nüchtern vor: „Es handelt sich auf keinen Fall um eine terroristische Tat.“

Die Ermittler belegten ihre Einschätzung auch damit, dass bei dem Sohn eines marokkanischen Vaters und einer algerischen Mutter keinerlei islamistische Propaganda gefunden worden sei. Er habe zu Hause noch nicht einmal einen Internetzugang gehabt – der Weg, über den sich die meisten IS-Anhänger radikalisieren und rekrutieren lassen.

Dennoch gab der Mann bei seiner Vernehmung politische Gründe an: Er habe „den französischen Staat angreifen“ wollen, da ihm aber kein Polizist oder Soldat vor das Auto lief, überfuhr er einfache Passanten. Dabei machte die Staatsanwältin deutlich, dass dieses Motiv aus ihrer Sicht nicht besonders ernst zu nehmen sei: Der Mann habe nach eigenem Bekunden bei einer Weihnachtssendung im Fernsehen am Sonntag eine Art „Flash“ bekommen und habe die Ungerechtigkeit gegenüber den Kindern in Tschetschenien nicht mehr ertragen. Die Justiz wirft ihm nun versuchten Mord vor.