Kommentar

Weihnachten das Handy abschalten

Matthias Iken über den häufigen Griff zum Smartphone

Wenn Berliner an einer roten Ampel halten müssen, sie auf dem Bahnsteig die U-Bahn erwarten oder in der Schlange an der Supermarktkasse stehen, kommt die typische Handbewegung des 21. Jahrhunderts. Fast schon reflexartig reagieren wir auf jede Pause, um das Smartphone aus der Tasche zu fischen – und endlich wieder online zu sein. Wer daran zweifelt, dass es eine Handy-Sucht gibt, sollte in solchen Situationen einfach mal seine Umgebung beobachten. Wer seine Mitmenschen in den Blick nimmt und nicht nur den Bildschirm des Smartphones, dem gehen die Augen auf: Die Gesellschaft verfällt dem Smartphone.

Durchschnittlich greift jeder alle zwölf Minuten oder 80-mal am Tag zum Telefon. Das hätten wir noch Mitte der 90er-Jahre für ausgeschlossen gehalten. Als das Funktelefon aufkam, galten die Geräte als Accessoire der Neureichen, Wichtigtuer und Aufschneider. Erst langsam – deutlich langsamer als etwa in Skandinavien – wurde das Mobiltelefon zum Instrument der Massen.

Ausgerechnet eine Gesellschaft, die ständig beklagt, keine Zeit zu haben, gestresst zu sein, unter Druck zu stehen, schlägt ihre Zeit tot. Ausgerechnet eine Gesellschaft, die Vereinsamung beklagt, flüchtet in „soziale Netzwerke“ und vernachlässigt echte Kontakte. Ausgerechnet eine Gesellschaft, die NSA, Big Brother und eine Überwachung fürchtet, lagert ihr ganzes Leben in virtuelle Wolken aus und überträgt die Kontrolle an das Mobiltelefon. Wir merken uns keine Geburtstage oder Telefonnummern mehr, unser Orientierungsvermögen wird durch Google-Maps ersetzt, unsere Allgemeinbildung durch Wikipedia.

Natürlich liegen darin enorme Chancen, aber eben auch Gefahren. Diese zu kennen und zu benennen, kann helfen, neue Techniken zum Wohle des Einzelnen und der Gemeinschaft zu nutzen und Grenzen zu definieren. Man mag Burn-out, die Flucht in die Sucht oder Depressionen für Zeitgeisterkrankungen halten, aber sie befallen in diesen Zeiten den Geist. Die permanente Erreichbarkeit, die ständige Verfügbarkeit verwischen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, Job und Zuhause. Längst stellen Unternehmen wie etwa VW nach Dienstschluss keine Mails mehr zu. Inzwischen wachsen die Freiräume, in denen Smartphones mal Pause haben. Gerade an den Weihnachtstagen und zwischen den Jahren sei an den alten Ratschlag von Peter Lustig aus „Löwenzahn“ erinnert: Na los jetzt, abschalten!