Kommentar

Im Rausch der Erregung

Ulf Poschardt über die Pegida und die Reaktionen auf die Proteste

Auf jeden Demonstranten, der in Dresden Rechtes und nicht so Rechtes skandiert, kommen Dutzende von Leitartikeln, Reportagen, Feuilleton-Essays und Leserbriefe. Warum? Weil grundsätzlich jeder Miniaufmarsch von allen und jedem, der einen Hauch rechts von der Mitte liegt, mit Nazi-Keulen beworfen und „Wehret den Anfängen“-Romantik bekriegt wird, und damit eine Diskursmaschine anläuft, in der Gut und Schlecht schnell sortiert werden. Die Demonstration mit dem komischen Namen und dem kriminellen Anführer mag politisch so fragwürdig und zum Teil widerwärtig sein, wie sie will, in der Ökonomie der Aufmerksamkeit ist sie ein boomendes Start-up. Vom Mainstream verteufelt, sammeln sich all jene noch euphorischer um jenen Ressentiment-Ofen, die die Schnauze voll haben vom Unisono der Medien und der Politik.

Die Demonstrantenbeschimpfung tut ihr Übriges. Sie gilt als schlichter Beleg dafür, dass man mit ein paar Montagsdemos die Temperatur öffentlicher Debatten gnadenlos anheizen kann. Da im Zuge der moralischen Selbstüberbietung einiger Politiker und Leitartikler auch diejenigen verteufelt wurden, welche die Anliegen der bürgerlichen Mitläufer ernst nehmen, bekommt die Hysterie eine neue Brennstufe. Der in Deutschland stets schwierige Diskurs über die richtige Form von Ein- und Zuwanderung wird links wie rechts der Mitte vor allem ideologisch, selten pragmatisch geführt.

Die Panik hat die Demos größer gemacht, als sie sind. Zur Krönung der Erregung mimt dann auch noch ein überambitionierter RTL-Reporter den Hobby-Nazi mit Wollmütze, während er von „Panorama“ interviewt wird. Genau an diesem Punkt kippt die Realität in eine Parabel brechtscher Dimension. Die Wirklichkeit muss nicht mehr mit Verfremdung überzeichnet werden, sie ist bereits komplett ausgereizt, was zynische Pointen und Komplotts betrifft.

Ja, wir brauchen Zuwanderung, und zwar eine, die unsere Gesellschaft bereichert. Ja, wir müssen Flüchtlinge aufnehmen, weil die Deutschen selbst am besten wissen, wie schmerzhaft Flucht und Vertreibung sind und wir das unserer Geschichte schulden. Ja, Integration ist anstrengend – für beide Seiten. Ja, es muss abgeschoben werden, wer das Asylrecht missbraucht. Ja, wir haben da noch viel zu lernen. Aber wir sind längst dabei. Und eigentlich auf einem guten Weg. Die neue, oft künstliche Aufregung im Augenblick hilft überhaupt nicht.