Kommentar

Wie eine Nachricht aus der Zukunft

Ulrich Clauß über den Hackerangriff auf Sony Picture

Noch vor wenigen Jahren wäre eine solche Geschichte, wie sie sich jetzt bei Sony Pictures ereignet hat, als eine an den Haaren herbeigezogene Science-Fiction-Spinnerei abgetan worden in ebenjener Branche, die jetzt dafür zum Schauplatz in der Wirklichkeit geworden ist. Doch so skurril der Hackerangriff auf das Hollywoodstudio und dessen Nordkorea-Satire „The Interview“ über die Ermordung von Diktator Kim Jong-un durch zwei Journalisten auch auf viele gewirkt haben mag – die Weiterungen sind sehr ernst zu nehmen. Eine Erkenntnis, die sich in der Weltöffentlichkeit allerdings nur sehr zögerlich durchsetzt.

Nun aber weisen Flüchtlinge aus Nordkorea wie auch amerikanische Experten darauf hin, dass der Angriff auf Sony ein Probelauf für Attacken auf Telekom- und Stromnetze anderer Staaten gewesen sein könnte. Ziel von Nordkorea sei es, Südkorea und die USA zu treffen. Das FBI warnte bereits eine Reihe größerer amerikanischer Unternehmen vor weiteren Angriffen.

Doch nicht nur die möglichen Folgen dieses Hackerangriffs auf Sony werden von vielen immer noch bagatellisiert. Auch der Vorgang selbst und seine Bedeutung für die weltweite Geltung von Grundrechten und Meinungsfreiheit wird vielfach kaum ernst genommen. So scheiterte der Schauspieler George Clooney damit, unter Hollywoods Mächtigen für Solidarität zugunsten des geplünderten Unterhaltungskonzerns zu werben. Schließlich kann man Sony Pictures durchaus als Opfer eines cyberterroristischen Angriffs einer feindlichen Nation sehen – und das auf amerikanischem Boden. Eine von Clooney verfasste Petition habe aber niemand unterschreiben wollen, gab der Schauspieler jetzt bekannt. Angesichts einer Attacke, die man getrost als das 9/11 der amerikanischen Filmbranche bezeichnen darf, zeugt das von erstaunlicher Ignoranz – oder Hasenfüßigkeit. Auch die internationale Gilde sogenannter Internetaktivisten, die ansonsten aus weit geringerem Anlass alle bürgerrechtlichen Alarmglocken schrillen lässt, übt sich in vornehmer Zurückhaltung.

Es mag ja sein, dass dort Inkompetenz und Schlendrian diesen gewaltigen Cyberschlag erst möglich machten. Das kann jedoch keinesfalls rechtfertigen, die Opfer von Cyberterrorismus auch noch zu verhöhnen. Schließlich steht hier beispielhaft das wirtschaftliche Überleben und die Publikationsfreiheit eines Wirtschaftsunternehmens auf dem Spiel. Und auch die Meinungsfreiheit von uns allen.