Interview

„Gesellschaft ist für Aufarbeitung der NS-Zeit offener“

Josef Schuster, der neue Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, nimmt die Muslime in Schutz gegen Pegida

Josef Schuster, 60, der neue Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, steht für nüchterne Sachlichkeit und Kontinuität. Zwei Jahre alt war er, als seine Eltern von Haifa nach Würzburg zogen – aus dem sein Vater 1938 dem NS-Regime entkommen war. Seit 1998 ist Schuster Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Würzburg und Unterfranken. Der Internist hat eine eigene Praxis, ist im Rettungsdienst des Roten Kreuzes tätig und als Notarzt im Einsatz.

Berliner Morgenpost:

Sie sind ein viel beschäftigter Mann. Und jetzt auch noch Präsident des Zentralrats – wie wollen Sie das alles schaffen?

Josef Schuster:

Ich bilde mir ein, dass ich ein ganz gutes Zeitmanagement habe. Entscheidend ist aber, dass die Personalstruktur im Zentralrat der Juden in den vergangenen Jahren deutlich professioneller geworden ist, die Zuarbeit durch Mitarbeiter bessere Qualität hat.

Sie sind hier in Würzburg aufgewachsen, wo Ihre Familie jahrhundertealte Wurzeln hat, haben hier studiert, haben sich hier beruflich etabliert. Was ist so toll an dieser Stadt?

Ich weiß nicht, ob es in Würzburg toll ist – obwohl ich meine Heimatstadt liebe, wie ich gern zugebe. Dass ich hierherkam, war allerdings nicht meine Entscheidung, sondern die meiner Eltern, wie auch die, hier aufs Gymnasium zu gehen. Nachdem ich mich dann zum Medizinstudium entschlossen hatte, kam hinzu, dass die Zentrale Vergabestelle für Studienplätze Würzburg als möglichen Studienort „ausgespuckt“ hat. Es ergab sich dann, dass ich hier eine Stelle als Assistenzarzt bekam und – ein wirklicher Zufall – ein Kollege, der seine Praxis auf der anderen Straßenseite hatte, sie altersbedingt aufgab. So habe ich mich hier in Würzburg immer mehr verwurzelt gefühlt.

Wie fühlte sich das an, als Jude im Deutschland der späten 50er- und frühen 60er-Jahre aufzuwachsen?

Eher unspektakulär. Mir ist allerdings erst später, in den 70er-Jahren, klar geworden, wie ungewöhnlich die Selbstverständlichkeit war, mit der ich in Würzburg aufgewachsen bin. Es war in meinem Elternhaus nie ein Thema, dass wir hier nur vorübergehend seien, dass wir – wie es so schön heißt – auf gepackten Koffern sitzen würden. Ich bin von der Erziehung her sehr bewusst in Würzburg aufgewachsen und habe das nicht Normale daran erst später realisiert.

Wie hat sich nach Ihrem Erleben die deutsche Gesellschaft seitdem verändert?

Sie hat sich seit den 60er-Jahren deutlich verändert. Man spricht jetzt viel offener und ist bereit, auch in der eigenen Familie problematische Seiten und braune Flecken deutlicher zu benennen. Das hat auch sozusagen biologische Gründe. Die Scheu, Menschen zu belasten, die noch am Leben sind, ist nun einmal kaum noch gegeben – und damit hat sich die Gesellschaft für die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit mehr geöffnet.

War es denn auch für Ihre Eltern ein Problem, über die Vergangenheit zu sprechen? Immerhin hatte Ihre Mutter die Eltern in der Schoah verloren.

Nach Deutschland zu gehen war für meine Mutter sicher schwieriger als für meinen Vater. Zum einen war für sie Franken etwas völlig Neues, denn sie stammte aus Oberschlesien. Sie kam also in eine Region, zu der sie bisher keine Bezugspunkte hatte.

Sprachen Sie denn zu Hause über die Schoah?

Das war durchaus Thema bei uns, aber nicht das Thema Nummer eins, das zum Frühstück, Mittag- und Abendessen diskutiert wurde. Es wurde aber auch nicht totgeschwiegen. Weder wurde es bewusst verdrängt noch bewusst in den Vordergrund gestellt.

Gibt es etwas, das Sie als Zentralratspräsident ganz anders machen wollen als Ihre Vorgänger?

Ganz anders als Dieter Graumann sicher nicht. Denn ich war unter ihm ja Vizepräsident, und er ist jemand, der auf kollegiale Zusammenarbeit sehr viel Wert gelegt hat. Vieles von dem, was in den vergangenen vier Jahren getan wurde, habe ich somit selbst mitentwickelt und vertreten. Daher gibt es für mich jetzt keinen Grund, alles radikal zu ändern.

Prioritäten haben Sie aber schon?

Mir ist besonders wichtig, dass der Zentralrat, als Dienstleister und Ideengeber für die Gemeinden, verstärkt dazu beiträgt, deren Einheit zu erhalten und zu festigen. Ich bin hier in Würzburg Vorsitzender einer traditionell geprägten Gemeinde, habe aber keine Berührungsängste gegenüber liberalen Gemeinden.

Eine andere große Aufgabe ist die Integration der Zuwanderer, aus der ehemaligen Sowjetunion …

Richtig, wobei ich denke, dass die Integration sowohl in die jüdischen Gemeinden als auch in die Gesellschaft in den allermeisten Fällen sehr gut geklappt hat. Jetzt geht es aber darum, diese Integration dafür zu nutzen, die Gemeinden dauerhaft zu stärken und ihnen ein permanentes personelles Fundament zu geben.

Wie sieht es mit der Bindung der jungen Generation an die Gemeinden aus?

Am schwierigsten ist es in der Altersgruppe von etwa 20 bis etwa 35, 40 Jahren. Die christlichen Kirchen haben da übrigens ein ganz ähnliches Problem. Es ist dies die Phase, wo der persönliche Existenzaufbau im Vordergrund steht. Da ist es nicht leicht, diese jungen Menschen für religiöse Gemeinschaften, egal welcher Couleur, zu motivieren.

Wie sehr haben Sie im Sommer die antisemitischen Hassausbrüche auf Demonstrationen zum Gaza-Krieg erschreckt?

Diese Ängste sind in den Großstädten deutlich ausgeprägter gewesen als in kleineren Städten wie Würzburg. Auch hier gab es Demonstrationen mit Äußerungen, die das Erträgliche überschritten, aber doch mit weit geringerer Wirkung. Insofern war ich persönlich davon überrascht, von Zentralratskollegen aus München, Frankfurt und Berlin zu hören, wie stark die von Ihnen angesprochene Sorge immer wieder artikuliert wurde.

Waren Sie mit der Reaktion der deutschen Öffentlichkeit zufrieden? Es gab die große Kundgebung gegen Judenhass am Brandenburger Tor …

Es wäre natürlich schöner gewesen, wenn eine solche Initiative nicht wieder nur von jüdischer Seite hätte ausgehen müssen. Sehr erfreulich war aber: Sobald die Überlegung an sie herangetragen wurde, waren die Spitzen des Staates, der Parteien und Kirchen sofort bereit, Flagge zu zeigen.

Derzeit fühlen sich viele Muslime durch die Pegida-Demonstrationen pauschal diffamiert und bedroht. Wie beurteilen Sie diese Bewegung?

Wir dürfen die Pegida-Leute auf keinen Fall unterschätzen. Die Bewegung ist brandgefährlich. Hier mischen sich Neonazis, Parteien vom ganz rechten Rand und Bürger, die meinen, ihren Rassismus und Ausländerhass endlich frei ausleben zu dürfen.

Manche Politiker und Kommentatoren wenden ein, dass in diesen Demonstrationen auch berechtigte Ängste vor islamistischem Extremismus artikuliert würden. Haben Sie dafür Verständnis?

Die Angst vor islamistischem Terror wird instrumentalisiert, um eine ganze Religion zu verunglimpfen. Das ist absolut inakzeptabel. Denn wir müssen doch die Relationen im Blick behalten. Sicherlich ist der islamistische Extremismus ebenso ernst zu nehmen wie andere extremistische Strömungen. Und von wenigen Islamisten rückzuschließen, Deutschland drohe ein Staat mit dem Islam als Staatsreligion zu werden, ist so absurd, als wenn wir aus der Existenz von Rechtsextremisten schlössen, morgen werde die NS-Diktatur wieder errichtet.