Familienpolitik

„Jeder Zeitpunkt ist der richtige“

Familienministerin Manuela Schwesig wünscht sich mehr Kinder in Deutschland

Nach einem Jahr großer Koalition hat sie sich als eine der Aktivposten im Kabinett positioniert. Mit den Gesetzentwürfen zum Elterngeld Plus und zur Familienpflegezeit und dem Kabinettsbeschluss zur Quote hat Familienministerin Manuela Schwesig sich mit einigen ihrer zentralen Anliegen durchgesetzt – und ist inzwischen zur beliebtesten SPD-Politikerin aufgestiegen.

Berliner Morgenpost:

Diese Woche hat das Kabinett nach langem Hin und Her die Frauenquote für Aufsichtsräte großer Unternehmen beschlossen. Sind Sie jetzt stolz?

Manuela Schwesig:

Ich freue mich. Die letzten Monate haben noch einmal gezeigt, wie stark die Widerstände sind, wenn man versucht, etwas für Frauen zu bewegen. Insofern freue ich mich, dass das Kabinett den Gesetzentwurf so, wie Heiko Maas und ich ihn vorgelegt haben, beschlossen hat.

Nun ist der Gesetzentwurf zwar durchs Kabinett. Aber noch lange nicht durch den Bundestag. Da gilt das strucksche Gesetz: Kein Gesetz verlässt den Bundestag so, wie es reingegangen ist.

Nach der Quote ist vor der Quote. Der Kabinettsbeschluss war ein großer Schritt. Wir haben jetzt parlamentarische Beratungen, und die nehme ich auch ernst. Aber wir haben dieses Gesetz ja auch schon im Koalitionsausschuss mit den Spitzen der Koalitionsfraktionen besprochen. Insofern gehe ich nicht davon aus, dass es noch wesentliche Änderungen geben wird.

Die Opposition spricht eher von einem Quötchen, einer Schnecke, da, wo Frauen ein Rennpferd verdient hätten.

Die Kritik ist nicht gerechtfertigt. Es gibt seit 1982 die Debatte um eine Quote. Entscheidend an diesem Gesetz ist, dass es für die feste, starre Quote von mindestens 30 Prozent keine Ausnahme gibt.

De facto betrifft das Gesetz nur etwa 160Frauen in 108 Großunternehmen.

Das Gesetz ist ein guter Mix zwischen festen, klaren Vorgaben in den größten Unternehmen, wo die feste Quote ohne Ausnahmen gilt. In einer zweiten Säule verpflichten wir insgesamt 3500 Unternehmen, sich selbst Vorgaben zu machen. Das Gesetz zielt also nicht allein auf die Aufsichtsräte, sondern auch auf die Vorstände und die obere Managementebene.

Was macht Sie so sicher, dass sich etwas an der Unternehmenskultur ändern wird, wenn sich die Zusammensetzung im Aufsichtsrat ändert?

Wenn es keine Gleichberechtigung in der Führungsebene gibt, gibt es im Rest des Unternehmens erst recht keine Gleichberechtigung. Führung heißt auch, dass die Spitze mit gutem Beispiel vorangeht. Wir erleben ja jetzt schon, dass es um viel mehr geht als die konkrete Besetzung von Posten. Es geht um eine kulturelle Debatte: Werden Frauen in unserem Land ernst genommen, werden sie respektiert, traut man ihnen etwas zu? Oder heißt es: Macht ihr mal die Arbeit, aber wenn es um die großen Entscheidungen geht, machen wir Männer das unter uns aus.

Herr Kauder hat Ihnen neulich „Weinerlichkeit“ vorgeworfen. So ein Macho-Spruch dürfte Ihnen allerdings eher nutzen als schaden, oder?

Solche Sprüche perlen an mir ab. Viele Frauen erleben Tag für Tag, dass sie unterschätzt werden. Wir Politikerinnen und Politiker sind aufgefordert, für gleichberechtigte Lebensverhältnisse zu sorgen. Aber die Lebenswirklichkeit ist eine andere. Drei Viertel der Frauen sagen, dass sie eine ungerechte Arbeitswelt erleben. Sie sehen, dass sie für gleiche Arbeit schlechter bezahlt werden, dass sie kaum Chancen haben, in Führungspositionen zu kommen, und dass sie die meisten Nachteile haben, wenn es darum geht, Beruf und Familie zu vereinbaren.

Die Union hat ja jetzt nach langen Wehen beschlossen, den Abbau der kalten Progression anzugehen. Richtig?

Ich finde es gut, dass die Union den Vorschlag von Wirtschaftsminister Gabriel unterstützt …

2012 hatten SPD und Grüne einen schwarz-gelben Vorstoß zur Abschaffung der kalten Progression noch gestoppt …

Wir müssen darüber nachdenken, wie wir Leute, die arbeiten gehen, insbesondere Familien, entlasten. Dazu gehört auch unser Versprechen, die Alleinerziehenden steuerlich zu entlasten. Wir haben uns im Koalitionsvertrag darauf geeinigt, den steuerlichen Freibetrag für Alleinerziehende anzuheben. Ich sage ganz klar: Das muss kommen, bevor wir an die kalte Progression herangehen.

Haben Sie in Ihrem ersten Jahr dazugelernt, wie man ein Projekt sinnvoll politisch platziert? Wir entsinnen uns an den Vorstoß der 32-Stunden-Woche für junge Eltern bei vollem Lohnausgleich. Angela Merkel hat Sie damals sehr schnell zurückgepfiffen.

Das Thema Familienarbeitszeit steht immer noch auf meiner Agenda und hat mittlerweile auch Unterstützer in der Wirtschaft gefunden. Mir geht es darum, dass die Arbeitszeit für Familien besser verteilt wird. Derzeit ist es so, dass die Männer alle Vollzeit arbeiten plus Überstunden und die Frauen durchschnittlich nur 19 Stunden. Das bedeutet: schlechte Einkommen und wenig berufliche Perspektiven. Wenn sich diese Zeiten ein wenig annähern, hätten beide Partner Zeit für die Arbeit, aber auch für die Familie. Gerade Frauen erleben eine starke Zerrissenheit und wünschen Unterstützung durch ihre Partner. Und das Interessante ist: Viele junge Väter wollen das auch. Ich werbe dafür, dass wir zu neuen Arbeitszeitmodellen in dieser Rushhour des Lebens kommen. Den ersten Schritt haben wir mit dem Elterngeld Plus und der Familienpflegezeit gemacht. Das Thema trifft den Nerv der Leute.

Große amerikanische Unternehmen wie Apple bieten ihren Mitarbeiterinnen die Möglichkeiten des Social Freezing an, das Einfrieren von Eizellen. Ist das mit Blick auf immer spätere Schwangerschaften nicht sinnvoll?

Ich finde es gut, dass es die medizinische Möglichkeit des Einfrierens gibt. Aber die Botschaft von Unternehmen, dass man den Kinderwunsch auf einen günstigeren Zeitpunkt aufschieben soll, ist eine falsche Botschaft. Es wird nicht leichter im Job mit 40, und auch nicht mit dem Kinderkriegen. Ich möchte, dass sich die Stimmung ändert. Bisher heißt es doch: Mach erst einmal deine Ausbildung, dein Studium, bekomm erst einmal einen Job. Und dann hangeln sich die Leute von Befristung zu Befristung, und es vergeht viel Zeit. Die Botschaft sollte sein: Für ein Kind ist jeder Zeitpunkt der richtige – und alle im Umfeld, ob beruflich oder privat, sollten möglich machen, dass das gelingt.

Das erinnert an die Weihnachtsbotschaft. Wie wird denn im Hause Schwesig Weihnachten gefeiert?

Wir feiern sehr traditionell. Die Familie ist für mich ein großer Rückhalt. Wir sind an Heiligabend nachmittags immer zum Gottesdienst im Schweriner Dom. Danach kommt zu Hause der Weihnachtsmann. Natürlich sagen wir gemeinsam ein Gedicht auf. Hinterher gibt’s Kartoffelsalat und Würstchen.