Kommentar

Ein Experiment in Sachen Normalität

Hajo Schumacher über den neuen Regierenden Bürgermeister Michael Müller

Was kaum jemand weiß: Michael Müller ist ein Exot. Der neue Regierende ist Mann, Hetero, Christ, gebürtiger Berliner, verheiratet und hat zwei Kinder. Wo gibt’s das denn noch? Er hat die mittlere Reife abgelegt, in der elterlichen Druckerei gearbeitet und geht einer Vollzeiterwerbstätigkeit im karitativen Bereich nach, also der Politik. Müller ist ziemlich bescheiden und meckert wenig, er ist Mitglied einer Partei und bei der AWO.

Kurz: Menschen wie Michael Müller, ganz normale Bürgerliche, tragen die Hauptsteuerlast, sie ziehen halbwegs zuverlässig ihren Nachwuchs auf und sorgen für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Dafür profitieren sie weder von Quote noch Mütterrente, können sich auf keinerlei Minderheitenschutz oder Sonderrechte berufen, müssen sich aber von ihren Mitbürgern täglich anhören, wie gierig und unfähig sie seien. Diese Müllers, die klaglos und relativ unauffällig ihre Pflichten erledigen, sind selten geworden. Dass ein solch rares Exemplar nun die Stadt regiert, kann ein Glücksfall sein, zumindest aber wird es ein Experiment in Sachen Normalität werden.

Michael Müller weckt keine riesengroßen Erwartungen – und das ist schon mal gut so. Umso weniger kann er enttäuschen. Wäre ja schon gut, wenn einer solide und halbwegs stracks ein zweifellos gewaltiges Programm abarbeitet. Mag ein Teil des Glam-Berlins auch über Müller lächeln, der Typus ist bundesweit im Trend: Ob Scholz in Hamburg oder Albig in Kiel, ob Weil in Hannover oder Woidke in Potsdam – überall im Land wird unauffällig, unaufgeregt, aber oft recht effektiv regiert. Alle kopieren die Strategie der niedrig gelegten Latte, mit der die Kanzlerin fast ein Jahrzehnt lang vorzüglich fährt.

Zudem hat Michael Müller das Privileg der therapeutischen Niederlage: Vor zwei Jahren wurde er Opfer einer Intrige und als SPD-Vorsitzender Berlins abgesägt. Er stieg nicht beleidigt aus und versilberte seine Kenntnisse etwa im Immobiliengeschäft, sondern machte klaglos weiter. Dass sein Herzensprojekt scheiterte, die Teilbebauung des Tempelhofer Feldes, muss nicht nur Niederlage gewesen sein, sondern vielmehr Lehrstunde. Beim nächsten Projekt wird Müller schlichtweg schlauer zu Werke gehen.

Michael Müller hat das große Glück, dass er dem Sympathiefischer Klaus Wowereit folgt, ohne ihn übertreffen zu wollen. Im Gegenteil: Müller kann damit leben, dass ihm kaum einer einen Smalltalk mit George Clooney zutraut. Am Funkeln wird er nicht gemessen werden bei der Wahl 2016.

Seine größte Baustelle heißt BER. Müller hat Glück, dass Wowereit einen unangemessen großen Teil der Schuld mit in den Ruhestand nimmt. Zugleich wird der Aufsichtsrat professionalisiert und vielleicht sogar Hartmut Mehdorn demnächst verabschiedet, der freiwillig einen weiteren großen Teil Giftpfeile auf sich gezogen hat. Viel unbelasteter kann man mitten im Flughafen-Schlamassel kaum starten. Dafür muss der Neue sichtbare Fortschritte auf der Baustelle vorweisen und einen zuverlässigen Eröffnungstermin präsentieren. Sonst wird Müller eine Episode bleiben.