Polizeigewalt

„Rassismus ist tief verwurzelt“

In der Debatte um Polizeigewalt findet US-Präsident Obama deutliche Worte und mahnt die Landsleute zur Besonnenheit

Rassismus gegenüber Afroamerikanern ist nach Einschätzung von US-Präsident Barack Obama tief in der amerikanischen Gesellschaft und Geschichte verwurzelt. Das sagte Obama dem TV-Sender BET, der sich vor allem an ein schwarzes Publikum wendet, in einem Interview. Angesichts wiederholter Fälle von Gewalt weißer Polizisten gegenüber Schwarzen wird darüber diskutiert, ob Rassismus in den USA Teil des Problems ist. Die Vorfälle hatten für landesweite Proteste gesorgt.

Zu Gewalt und Randale kam es dabei am Wochenende im Staat Kalifornien. In Berkeley warf eine Gruppe vermummter Demonstranten mit Steinen, Flaschen und Ziegeln auf die Polizei, die mit Gummigeschossen und Rauchbomben antwortete. Mehrere Läden wurden geplündert. Der Einsatz sei das Ergebnis einer lauten, von Randale geprägten Nacht in Berkeley bei San Francisco gewesen, berichtete die Zeitung „San Francisco Chronicle“. Bei den mehr als fünfstündigen Protestmärschen sei es teils zu gewaltsamen Zusammenstößen gekommen, meldete die „San Jose Mercury News“. Vier Polizisten wurden verletzt, sechs Menschen wurden festgenommen.

Erneut Gewalt bei Protesten

Nach Schätzungen eines Reporters standen zeitweise mindestens 1500 Demonstranten rund 100 Polizisten gegenüber. „Protestler haben Sandsäcke, Rohre, Steine, Autospiegel und Rauchgranaten auf Polizisten geworfen“, twitterte die Polizei. Zudem wurden mehrere Geschäfte nahe dem Campus der Universität Berkeley geplündert, Scheiben eingeschlagen und Polizeiautos beschädigt. In New York waren die Proteste am Wochenende auch wegen des Wetters etwas abgeebbt. Einige Dutzend Demonstranten legten sich am Samstag erneut zum „Die-In“ auf den Boden der Wartehalle im Grand Central Bahnhof. Auch in Philadelphia legten sich rund 200 Menschen für viereinhalb Minuten reglos auf die Straße, um die viereinhalb Stunden zu symbolisieren, die Brown nach den tödlichen Polizeischüssen auf einer Straße in Ferguson gelegen haben soll. Philadelphias Bürgermeister Michael Nutter sprach im Fernsehsender NBC von „zwei der schlimmsten Wochen“ in der jüngeren US-Geschichte, die sein Land derzeit erlebe.

Der US-Präsident mahnte zur Besonnenheit: „So schmerzhaft diese Vorfälle sind, ist es wichtig, dass wir das jetzige Geschehen nicht mit den Vorfällen von vor 50 Jahren gleichsetzen.“ Die massive Ungerechtigkeit gegenüber Afroamerikanern hatte Mitte der 50er-Jahre zur Bürgerrechtsbewegung in den USA geführt. „Wenn Sie mit Ihren Eltern, Großeltern, Onkeln sprechen, werden sie Ihnen sagen, dass die Dinge besser sind – nicht gut, aber besser.“ Er rief die jungen Bürgerrechtler in seinem Land zur Geduld auf. Die USA hätten Fortschritte gemacht und das gebe Zuversicht für weitere Schritte nach vorn, betonte Obama.

Obama hatte in der vergangenen Woche angekündigt, gemeinsam mit dem scheidenden, schwarzen Justizminister Eric Holder Schritte zu unternehmen, um Rassismusprobleme zwischen Polizei und Anwohnern im ganzen Land anzupacken. In der Debatte hatte er sich lange eher zurückgehalten – auch, um Wähler von jeder Hautfarbe und Herkunft gleichermaßen anzusprechen. Auch New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio sieht in der Kluft zwischen Polizei und Bevölkerung ein „fundamentales Problem“ der USA. „Wir müssen offen über die historische Rassendynamik sprechen, die dem Problem zugrunde liegt“, sagte er gegenüber ABC. De Blasio äußerte sich optimistisch darüber, dass eine Verständigung zwischen weißen Polizisten und schwarzen Mitbürgern hergestellt werden könne.

Der republikanische Gouverneur von Ohio, John Kasich, sagte dem TV-Sender ABC, die Unruhen unterstrichen die Notwendigkeit, dass die politische Führung des Landes für Einheit und nicht für Klüfte sorge. „In unserem Land gibt es heute zu viel Spaltung, zu viel Polarisierung – schwarz, weiß, reich, arm, Demokrat, Republikaner. Amerika gibt sein Bestes, wenn wir vereint sind“, sagte Kasich. Immer mehr Prominente äußern sich zu der US-Debatte. „Wir werden vermutlich ein paar ungemütliche Gespräche führen müssen, um diese Dinge richtigzustellen, sodass jeder durch Amerika gehen und es genießen kann, wie es eigentlich genossen werden sollte“, sagte der US-Schauspieler Jamie Foxx („Django Unchained“) bei der Premiere des Films „Annie“ in New York.

„Ich kann nicht atmen“

Basketballstar Derrick Rose trug beim Aufwärmen vor einem NBA-Spiel seiner Chicago Bulls ein T-Shirt mit der Aufschrift „Ich kann nicht atmen“ – es erinnert an den Würgegriff an Garner. Auch NBA-Star LeBron James bekundete Interesse. „Das war spektakulär“, sagte James und kündigte an, ein solches T-Shirt möglicherweise beim Auftritt seiner Cleveland Cavaliers bei den Brooklyn Nets zu tragen – während die britischen Royals William und Kate auf der Tribüne sitzen werden.