Sicherheit

Panne in Europas größtem Kernkraftwerk

Zwischenfall im Südosten der Ukraine. Minister: „Keine Probleme mit den Reaktoren“. Bundesregierung hat keine Hinweise auf Atomunfall

Die ukrainische Regierung hat am Mittwoch über einen „Unfall“ in einem Atomkraftwerk informiert und damit im Westen zeitweise Sorgen vor einer möglichen neuen Katastrophe wie in Tschernobyl ausgelöst. Der neue Energieminister Wladimir Demtschischin beschwichtigte jedoch bei einer Pressekonferenz, es habe sich im Atomkraftwerk Saporoschje um einen relativ harmlosen Zwischenfall gehandelt. Der Vorfall habe in keinerlei Zusammenhang zur eigentlichen Stromerzeugung gestanden. „Nein, es gibt nichts Gefährliches. Es gibt keine Probleme mit den Reaktoren“, sagte Demtschischin in Kiew. Das „Problem“ im leistungsstärksten Kernkraftwerk Europas sollte bis zum kommenden Freitag wieder beseitigt sein, fügte er hinzu.

IAEA bestätigt die Angaben

Der ukrainische Ministerpräsident Arseni Jazenjuk hatte zunächst im Parlament von einem „Unfall“ gesprochen und Demtschischin mit Nachdruck aufgefordert, Aufklärung über die Störung in dem Meiler mit insgesamt 6000 Megawatt Leistung zu geben. Der Energieminister solle Auskunft geben, welche Folgen der Defekt habe, sagte Jazenjuk örtlichen Medien zufolge.

Der Ministerpräsident wies Demtschischin auch an mitzuteilen, wann die normale Versorgung wieder aufgenommen wird. Demtschischin sagte, der betroffene Block in Saporoschje sei vorsorglich vom Netz genommen worden, der Reaktor selbst laufe normal weiter. Wegen geringer Auswirkungen auf die Stromversorgung werde er Großkunden um eine Verringerung des Verbrauchs bitten.

Diese Angaben Demtschischins wurden indirekt von der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) in Wien bestätigt. Es gebe keine Hinweise auf einen Atomunfall, hieß es. Der Defekt im dritten Reaktorblock, angeblich ein Kurzschluss, hat sich nach Angaben des Betreibers Energoatom bereits am 28. November ereignet. Die AKW-Leitung hatte darüber am nächsten Tag informiert. Erhöhte Radioaktivität sei nicht gemessen worden, hieß es. Energoatom teilte mit, der Defekt werde auf der internationalen Atom-Unfall-Skala Ines mit „unter Null“ bewertet.

Die Bundesregierung hat nach eigenen Angaben bisher keine Hinweise auf einen Atomunfall in der Ukraine. Ein Sprecher des Umweltministerium sagte am Mittwoch in Berlin, man habe einen Verbindungsmann bei der Gesellschaft für Reaktorsicherheit in Kiew kontaktiert. Dieser habe unter Berufung auf die ukrainischen Aufsichtsbehörden berichtet, einen Atomunfall gebe es nicht. Entsprechende Meldungen beruhten offenbar auf Missverständnissen. Vielmehr habe es vor einigen Tagen einen Brand im nichtnuklearen Teil des Atomkraftwerks Saporoschje gegeben. Dieser sei daraufhin am 28. November heruntergefahren worden. Die AKW-Leitung hatte über die Abschaltung des dritten Blocks am vergangenen Sonnabend informiert. Dem Auswärtigen Amt in Berlin lagen nach Angaben einer Sprecherin keine eigenen Erkenntnisse vor.

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) registrierte in den vergangenen Tagen keine erhöhte Radioaktivität in Deutschland. Die routinemäßigen Messungen hätten nichts Auffälliges ergeben, sagte DWD-Sprecher Andreas Friedrich am Mittwoch.

44 Prozent Strom aus Atomkraft

Saporoschje liegt rund 570 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Kiew und 200 Kilometer vom Kampfgebiet in der Ost-Ukraine entfernt. Das Kraftwerk besteht aus sechs Reaktoren mit einer Bruttoleistung von je 1000 Megawatt. Der älteste Meiler ging im Jahr 1984 ans Netz, der letzte 1995. Das Kraftwerk liegt rund 500 Kilometer südöstlich von Kiew am Fluss Dnepr.

Der dritte Block war 1986 in Betrieb genommen worden. Im gleichen Jahr hatte sich im mittlerweile stillgelegten ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl ein schwerer Unfall ereignet. Nach einer Explosion im dortigen vierten Reaktorblock wirbelte eine hohe Feuersbrunst tagelang radioaktive Teilchen in die Luft. Von der Ukraine aus breitete sich die Wolke über weite Teile Westeuropas aus.

Die Ukraine erzeugt fast 44 Prozent ihres Stroms aus Atomkraft. Saporoschje versorgt fast den gesamten Süden des Landes und ist durch den Wegfall aller vier Blöcke des Kraftwerks Tschernobyl essenziell für die Energieversorgung der Ukraine.

Zurzeit sind der Internationalen Atomenergiebehörde zufolge in dem Land 15 Atomreaktoren in Betrieb und zwei weitere im Bau.