Gutachten

Mindestlohn gefährdet das Jobwunder

Neue Studie: Hunderttausende Arbeitsplätze sind bedroht

Wenn sie nach Arbeitsplatzverlusten durch den gesetzlichen Mindestlohn gefragt wird, dann wird Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) schmallippig. Der Mindestlohn werde keine Beschäftigung bringen, aber auch keine Beschäftigung kosten, sagt sie dann, sei also „beschäftigungsneutral“. In Gutachten für die schwarz-rote Regierung haben die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute und die Wirtschaftsweisen aber vor Arbeitsplatzverlusten und einem Abwürgen des deutschen Jobwunders gewarnt. Doch an die unerwünschten Nebenwirkungen „einer der größten sozialpolitischen Reformen unseres Landes“ (Nahles) werden die Koalitionäre nicht gern erinnert.

Während die Wirtschaftsweisen die Jobverluste im kommenden Jahr bei 160.000 sehen, kommen die Institute im Herbstgutachten auf 200.000. Am Mittwoch kam eine neue Schätzung hinzu: Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), die zu den schärfsten Kritikern staatlich verordneter Lohnuntergrenzen gehört, legte eine Studie vor, nach der in den nächsten Jahren zwischen 250.000 und 570.000 Arbeitsplätze wegfallen könnten.

Betroffen ist danach vor allem Ostdeutschland. Dort könnten elfmal mehr Stellen verloren gehen als in Westdeutschland. Besonders hoch sind die prognostizierten Beschäftigungsverluste bei den Minijobs. Im Osten könnte fast jeder vierte dieser Jobs verschwinden, errechneten die beiden Professoren Ronnie Schöb von der FU Berlin und Andreas Knabe von der Universität Magdeburg.

Die Wissenschaftler rechnen dabei so: Um auf den gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro zu kommen, müssen rund neun Prozent der Beschäftigten im Westen und 18 Prozent im Osten Lohnerhöhungen bekommen. Je niedriger der aktuelle Lohn, desto stärker die Erhöhung und desto stärker auch die Jobverluste. Denn die Forscher rechnen damit, dass im schlimmsten Fall für jedes Prozent Lohnerhöhung 0,75 Prozent der Arbeitsplätze in der Lohngruppe verloren geht.

Das sind freilich nur Szenarien und Simulationsmodelle. Die Wirklichkeit ist komplexer: Zum einen sind etliche Branchen vom gesetzlichen Mindestlohn ausgenommen, weil sie eigene Mindestlöhne vereinbart haben, etwa die Friseure oder auch die Fleischindustrie.

Doch was ist, wenn die düsteren Prognosen der Wirtschaftsexperten eintreffen? Dann dürfte sich die Politik um Schadensbegrenzung bemühen. An eine Wiederabschaffung des Mindestlohns glauben aber selbst seine schärfsten Kritiker nicht. „Wir machen uns keine Illusion: Realistisch gibt es keinen Weg zurück“, sagt INSM-Geschäftsführer Hubertus Pellengahr.