Wahlen

Die Regenbogenfahne weht nun über dem Rathaus von Słupsk

Robert Biedroń ist Polens erster schwuler Bürgermeister

Noch bevor die Ergebnisse bekannt wurden, fühlte sich Robert Biedroń bereits wie ein Sieger. Sein perfekt sitzendes dunkelblaues Sakko und ein fernsehtaugliches Lächeln verliehen dem Café „Kafeina“ in der Stadt Słupsk (deutsch Stolp) im tiefen Norden Polens einen Hauch des Westens. Der 38 Jahre alte Biedroń ist das Gesicht der polnischen Schwulenbewegung und lebt als Parlamentsabgeordneter in Warschau. Nun wurde der 38-Jährige im zweiten Wahlgang der polnischen Kommunalwahl mit 57 Prozent zum ersten offen schwulen Bürgermeister Polens gewählt. In einer Stadt, in der er nie gelebt hat, dessen Bewohner ihre Homophobie beiseite gelegt und ihm vertraut haben, weil er mit ihnen sprach und einen Plan hatte. Ein Zeichen des Wandels in dem tief konservativen Land.

Am Wahlsonntag waren in Słupsk keine Plakate des Kandidaten Biedroń zu sehen. Für die Werbung hat das Geld nicht ausgereicht. Dass der Kandidat große Chancen hatte, wurde allerdings bereits am Nachmittag aus Gesprächen mit den Stadtbewohnern klar. Der Blumenhändler aus der Nähe des Rathauses, die Frau, die ihr Geschäft schloss, um wählen zu gehen und die modischen Mädchen – alle sprachen über den Mann, der wie Obama den Wechsel auf den Fahnen trug.

Nach der Auszählung von 20 Wahlkreisen – und dem Sieg in 19 – zeigte sich der Kandidat tiefst berührt. „Diese Wahl zeigt, dass die Schwulenfeindlichkeit endlich marginalisiert wurde. Dass die Menschen nichts von ihr halten und rational sind“, sagt er. Nach Mitternacht liefen die offiziellen Wahlergebnisse im Café „Kafeina“ ein: Biedroń wurde mit 57 Prozent der Stimmen zum neuen Bürgermeister der Stadt gewählt. 2001 gründete er eine Nichtregierungsorganisation, die gegen sexuelle Diskriminierung kämpft. 2002 gab er öffentlich zu, schwul zu sein, was die jetzige Premierministerin Ewa Kopacz damals kritisierte und sagte, dass er sich „praktisch unwählbar“ gemacht habe. 2011 zog Biedroń jedoch als Mitglied der Partei Twój Ruch ins Parlament ein – und wurde seitdem viermal wegen seiner Geschlechtsorientierung verprügelt. Auch der Geschäftsmann Krzysztof Markowski bezeichnet sich als schwulenfeindlich: „Ich bin homophob, aber pragmatisch. Biedroń hat mich mit seinem Programm überzeugt“, sagte er. „Als Außenseiter kann er diese tolle Stadt wieder stolz machen.“