Kommentar

Überfällige Entscheidung

Nina Paulsen über die Freigabe der „Pille danach“

In den sozialen Netzwerken gibt es seit Sommer 2013 ein geflügeltes Wort. Es lautet „wie Smarties“ und spielt damit auf einen Ausspruch des gesundheitspolitischen Sprechers der Unionsfraktion, Jens Spahn, an. Als seinerzeit die Debatte um die Rezeptpflicht der „Pille danach“ hochkochte, warnte er, das Präparat ohne Arztbesuch für Frauen freizugeben. „Das sind keine Smarties“, führte er relativ flapsig an. Also kein Bonbon, das Frau mal eben so einwerfen sollte.

In Deutschland können Frauen die „Pille danach“ nun bald trotzdem rezeptfrei erhalten. Das hat die Europäische Arzneimittelbehörde beschlossen, und die CDU/CSU folgt diesem Kurs. Das ist ein wichtiger und überfälliger Schritt, der in den meisten EU-Ländern ohnehin längst vollzogen ist. Er erlaubt Frauen die freie Entscheidung darüber, nicht schwanger werden zu wollen – ohne dass ein Arzt dies vorher abnicken muss.

Trotzdem ist Spahns Einwand – von der absurden Wortwahl abgesehen – im Kern nachvollziehbar: Die „Pille danach“ hemmt den Eisprung und verhindert eine Schwangerschaft. Sie kann unangenehme Nebenwirkungen haben. Doch genau deshalb würde eine Frau auch nie auf die Idee kommen, das Präparat wie einen Smartie einzunehmen. Oder – wie befürchtet – sich ermuntert fühlen, künftig ganz auf präventive Verhütung zu verzichten. Das belegen auch Statistiken aus Ländern, in denen es die „Pille danach“ schon rezeptfrei gibt. Spahns Ausspruch brachte aber auch deshalb so viele auf die Palme, weil er wie Bevormundung klang. Und dafür ist im 21. Jahrhundert kein Platz mehr.

Aus Sicht der EU-Experten gibt es medizinisch keine Gründe für eine Rezeptpflicht. Auch der korrekte Gebrauch der „Pille danach“ kann ohne ärztliche Überwachung erfolgen. Weil es sich nicht um einen Schwangerschaftsabbruch handelt, fallen sogar moralische Bedenken weg. Und wer dennoch eine Beratung wünscht, wird nicht davon abgehalten, einen Arzt aufzusuchen oder den Apotheker zu fragen. Denn nur bei ihm ist die „Pille danach“ erhältlich – und nicht im Supermarkt nebenan. Da gibt es nur die echten Smarties. Bald hoffentlich ohne rhetorische Zweckentfremdung.