Interview

„Ich bin ein friedlicher Mensch“

Jürgen Trittin war einst der Wortführer der Grünen. Jetzt mischt er sich wieder ein

Die Grünen wollen auf dem Parteitag am Wochenende versuchen, ihre Streitigkeiten beizulegen. Sogar Ex-Fraktionschef Jürgen Trittin sendet plötzlich Friedenssignale – kurz vor dem Treffen mit seinem Widersacher, dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann.

Berliner Morgenpost:

Herr Trittin, ein Jahr nach Ihrem Rückzug von der Fraktionsspitze machen Sie einigen Parteifreunden Angst.

Jürgen Trittin:

Ich weiß gar nicht, wie man vor mir Angst haben kann. Ich bin ein friedlicher Mensch. Momentan toure ich durchs Land und stelle mein Buch vor – mit gutem Zuspruch. Was ist daran Angst einflößend?

Es gibt die Sorge, dass Sie an einem Comeback arbeiten …

Ach. Ich bin mir sicher, diese Sorge haben nur wenige. Unsere Führung kann sich auf meine Loyalität verlassen.

Was haben Sie denn überhaupt vor?

Ich mache meine Arbeit. Ich bin für vier Jahre als Abgeordneter gewählt. Nur weil ich nicht mehr Fraktionsvorsitzender bin, höre ich nicht auf, ein politischer Mensch zu sein.

Man hört, Sie kokettieren damit, wie eng sie mit Parteichefin Simone Peter und Fraktionschef Anton Hofreiter im Austausch sind. Also versuchen Sie sich als heimlicher Strippenzieher?

Nee, ich kokettiere damit nicht. Ich bin öfter gefragt worden, ob ich mit der neuen Führung spreche. Dahinter stand nämlich die Unterstellung, ich würde an ihnen vorbei arbeiten. Dann habe ich wahrheitsgemäß bestätigt, dass ich mit ihnen rede. Schon heißt es, ich würde sie steuern. Das ist absurd. Ich weiß doch, was es heißt, in schwierigen Zeiten Fraktion und Partei zu führen. Und es sind jetzt schwierige Zeiten für die Grünen.

Setzen Sie Winfried Kretschmann ein Denkmal, wenn er in Baden-Württemberg wiedergewählt wird?

Winfried Kretschmann hat jetzt schon ein Denkmal verdient. Es war 2011 eine historische Sensation, die er und die Grünen im Südwesten geschafft haben. Noch bedeutender wird diese historische Leistung natürlich, wenn wir erreichen, dass Winfried Kretschmann Ministerpräsident bleibt. Die Grünen sind in Süddeutschland die eigentliche Alternative zur CDU. Und genau dieses Gegenangebot symbolisiert Kretschmann.

Was wollen Sie selbst zu seinem Erfolg beitragen?

Was man dann so macht: wahlkämpfen, Reden halten, die Menschen davon überzeugen, dass man sich mit einer großen Koalition als Alternative nicht abfinden sollte.

Sie haben den baden-württembergischen Landesverband mit Waziristan verglichen, einem Rückzugsort radikaler Widerstandskämpfer in Pakistan. Haben Sie sich mit Kretschmann schon darüber ausgetauscht?

Ich habe mit verschiedenen Personen der baden-württembergischen Grünen gesprochen, und wir haben gemeinsam viel über diese verzerrende Darstellung des „Spiegels“ gelacht. Wenn jemand ernsthaft glaubt, ich würde baden-württembergische Grüne für Taliban halten, dem kann ich nicht helfen.

Es gibt den Wunsch in der Partei, bis zur Wahl im Südwesten im Bund eine personelle Neuaufstellung zu finden. Was halten Sie davon?

Davon habe ich noch nichts gehört. Ich sehe dafür auch keinen Anlass.

Die vier Kollegen in der Fraktions- und Parteispitze machen ihren Job also richtig gut.

Sie machen einen schwierigen Job. Und niemand ist der Auffassung, dass wir an der personellen Aufstellung etwas verändern sollten.

Sie wurden als Spitzenkandidat für die Bundestagswahl 2013 per Mitgliederentscheid gekürt. Sollte es 2017 auch so ein Verfahren geben?

Wenn es eine ernsthafte Konkurrenz geben sollte, werden wir sicher wieder eine Urwahl durchführen. Die Antwort, wer unsere Partei als Spitzenkandidaten 2017 in die Bundestagswahl führt, steht ja noch gar nicht an. Die Spitzenkandidatur ist nicht automatisch an Ämter in der Partei- oder Fraktionsspitze gebunden.

Stehen Sie zur Verfügung?

Nachdem ich 2009 mit Renate Künast das beste und 2013 mit Katrin Göring-Eckardt gemeinsam leider nur das drittbeste Ergebnis für die Grünen geholt habe, bin ich der Meinung: Bei der nächsten Wahl sollte es mal jemand anderes probieren.

Halten Sie Rot-Rot-Grün immer noch für eine gute Idee?

Allein mit guten Ideen kann man keine Politik machen. Man muss sie auch umsetzen können. Niemand kann im Moment die Entwicklung der Linkspartei erahnen, auch nicht die der AfD. Ich bin momentan pessimistisch. Klar ist: Wir haben ein vehementes Interesse daran zu verhindern, dass auf die große Koalition 2017 die nächste große Koalition folgt. Wenn wir ehrlich sind, ist die Wahrscheinlichkeit derzeit am größten, dass Sigmar Gabriel auch nach 2017 Vizekanzler ist – und nicht Bundeskanzler. Die Führung innerhalb der Linkspartei weiß nicht, was sie will. Die Reformer würden sicher Rot-Rot-Grün versuchen, aber sie sind in der Bundestagsfraktion noch in der Minderheit.

Das klingt resigniert. Wo ist Ihr Ehrgeiz?

Mein Ehrgeiz besteht darin, diese Biedermeier-2.0-Koalition zu beenden. Schauen Sie, die G 20 erklären, sie wollen zwei Billionen ins Wachstum der Weltwirtschaft geben. Und das große, bedeutende Deutschland, der Exportvizeweltmeister, sagt dann: Ab 2016 geben wir drei Milliarden Euro jährlich zur Ankurbelung der Wirtschaft aus. Das ist absurd, das ist Realsatire. Damit überwinden wir sicher nicht die wirtschaftliche Stagnation Europas. So werden wir einen dauerhaften Einbruch der Exportwirtschaft erleben.