Kommentar

Das Sterben nicht kommerzialisieren

Hajo Schumacher über die Neuregelung der Sterbehilfe

Die Indianer Nordamerikas waren nicht zimperlich. Kam ein Alter nicht mehr mit, musste er sterben. Es galt: Wer den Stamm bremst und mithin seine Existenz gefährdet, der hat sein Recht auf Solidarität verwirkt. Viele Alte fügten sich in ihr Schicksal und blieben freiwillig am verglimmenden Lagerfeuer. Reine Tragik. Aber das Verantwortungsgefühl war stärker als das Ego. So lernten es schon die Kinder.

Ein Kerngedanke der zivilisierten Gesellschaft lautet, niemanden zurückzulassen. Dennoch bleibt das Sterben auch im Sozialstaat ein Problem. Jeder wünscht sich den schnellen Tod, aber manche müssen auf den Leidensweg. Die im Bundestag auf hohem Niveau geführte Debatte um die Sterbehilfe beweist: Der Tod bietet keine Win-win-Situation, nur individuelle Prioritäten. Recht gegen Mitgefühl, Ethik gegen Ökonomie, Leid gegen Eid – jedes Schicksal ein Einzelfall, Tragik und Wertekonflikte garantiert.

Bislang war die Sterbehilfe in Deutschland eine Grauzone. Diskret halfen Ärzte in Notlagen. Obgleich im Konflikt mit dem hippokratischen Eid, der das Retten von Leben fordert, ist nie ein Arzt für einen Akt der Barmherzigkeit belangt worden. Müssen Todkranke aus Deutschland wirklich in die Schweiz fahren?

Die letzte Würde ist nicht so schlecht aufgehoben im Schutz einer Tabuzone, in der vieles möglich ist, worüber aber Patienten, Angehörige, Ärzte, Juristen allenfalls flüstern.

Warum wollen wir diese – nicht optimale, aber keinesfalls dramatisch unmenschliche – Praxis ändern? Ist es ein Fortschritt, das Sterben zu regulieren und zu kommerzialisieren? Nein, nein und nochmals nein. Hilft uns eine Rabattschlacht beim Geschäft mit dem Tod? Lauern bald TÜV-Prüfer am Hospizbett und vergeben Sterbepunkte, die entscheiden, wer gehen darf, wer bleiben muss? Werden Zahlen und Regeln verbindlich, kommen zuerst der Bürokrat, dann der Sparfuchs und schließlich die Frage: Sind die letzten Monate nicht die teuersten? Warum nicht vier Wochen vorher? Und mit dem Ersparten die Kitas sanieren. Die Debatte um tiefgefrorene Eizellen zeigt, wohin die Ökonomisierung aller Lebensbereiche führt – zur Diktatur der Kostenfrage, aber auch zu Kontrolle, Vergleichbarkeit und perfidem moralischen Druck.

Menschenwürde braucht das Halbdunkel der Privatheit, wo Transparenz eben nicht gilt, wo der Staat seinem Bürger das Vertrauen schenkt, allein, verantwortungsvoll und ohne peinliches Regelwerk zu handeln. Der Preis dafür mögen einzelne Verfehlungen sein, die nicht bestraft werden. Es gibt keinen Königsweg zum idealen Sterben. Wir rutschen nur von einem Dilemma ins nächste, weil sich am Ende immer Grundwerte unvereinbar gegenüber stehen wie der Fall des zurückgetretenen EKD-Vorsitzenden Nikolaus Schneider zeigt, dessen Frau an Krebs erkrankt ist. Als Geistlicher muss Schneider gegen die Sterbehilfe sein, als Ehemann würde er seine Frau beim betreuten Suizid begleiten. Aus Liebe, sagt er. So einfach und so schwer ist das. Eine neue Rechtslage ändert daran nichts.