Außenpolitik

Putin wickelt Chinas First Lady ein

Auf dem Apec-Gipfel legt Russlands Präsident Peng Liyuan eine Decke um. Ein Fauxpas?

Wladimir Putin ist ja wieder Single. Ob man ihm deshalb seinen kleinen Flirtversuch mit Chinas First Lady nicht verzeihen mag? Wahrscheinlich wollte der russische Staatschef einfach nur galant sein. Doch seine Fürsorge gegenüber der schönen Peng Liyuan kam beim Apec-Gastgeber nicht gut an. Im Gegenteil: Die chinesischen Behörden tilgten, wo sie nur konnten, jede Spur des Vorfalls aus dem Internet.

Was genau war geschehen? Beim Staatsdinner in Pekings Water Cube, dem gigantischen Olympia-Wassersportstadion in Chinas Hauptstadt, hatte man am Montagabend Madame Peng zur Linken ihres Gatten Xi Jinping platziert, zu ihrer Rechten saß Putin. Die Runde wartete im Freien auf den Beginn eines Feuerwerks als Abschluss eines Galadinners. Während Präsident Xi angeregt mit Barack Obama plauderte, übte seine Frau sich mittels Dolmetscher im Small Talk mit dem Gast aus Moskau.

Die Konversation – man wird es nie genau erfahren – mag in etwa so abgelaufen sein: Sie: „Ein wenig kühl heute Abend, nicht wahr?“ Er: „Oh ja, es scheint, der Winter kommt früh in diesem Jahr.“ Putin, ein Kämpfer mit schwarzem Gürtel und stählernem Blick, ein Mann, der Tiger jagt und sich mit bloßem Oberkörper zeigt, ergriff die Gelegenheit: Er sprang auf, griff sich eine Decke und legte sie – ganz Kavalier – Frau Peng um die schmalen Schultern.

Wir wissen nicht, was Peng Liyuan wirklich dachte oder wie sie sich unter der warmen Decke fühlte. Doch die einstige Sängerin wäre keine Lady, wenn sie ihm nicht mit erprobtem Bühnenlächeln und sanftem Neigen ihres Hauptes gedankt hätte. Sekunden später ließ sie das Corpus Delicti allerdings nonchalant wieder von ihren Schultern gleiten und von einem dienstbaren Geist hinter ihr wegschaffen. Die Moderatorin in Chinas Staatsfernsehen CCTV, das die illustre Runde im Weitwinkel beim Dinner zeigte, kommentierte den Vorfall live – und offenbar ohne nachzudenken: „Putin hat gerade seinen Mantel um Peng Liyuans Körper gelegt.“ Es war zwar eine Decke, aber schon wurde die kleine Geste zum großen Thema. Das Video verbreitete sich rasant im Internet, Chinas Netzriesen Sina und Phoenix Media stellten es online und von dort nahm es seinen Weg durch das soziale Netzwerk Weibo und in die ganze Welt. „Dem Charisma der chinesischen First Lady kann keiner widerstehen. Und es erobert auch Putin!“, schwärmte ein anonymer Weibo-Nutzer. Zunächst berichtete auch Chinas Presse noch fröhlich über Putins Galanterie.

Doch dann schritten Chinas Zensoren ein. Sie schützen mit Argusaugen den Ruf der Mächtigen im Land. Sie ließen den kleinen Film von Chinas Medienseiten verschwinden und schrubbten jegliche Spuren davon aus den sozialen Netzwerken. Was war denn nun so schlimm an Putins harmlosem kleinen Flirt?

Gerüchte-Tsunami im Internet

„China ist traditionell konservativ mit Blick auf die öffentliche Interaktion zwischen Männern und Frauen, die nicht miteinander verwandt sind“, sagte der Historiker Zhang Lifan. „Das öffentliche Zeigen von Fürsorge durch Putin könnte Anlass zum Spott bieten, den der große Chef wahrscheinlich nicht goutiert.“ Möglich auch, dass Peking sein makelloses Image als Gastgeber bedroht sah. Nutzer im Netz witterten schon einen saftigen Skandal. „Der geschiedene Putin wird mit der Frau von Chinas Führer erwischt“, schrieb ein russischer YouTube-Nutzer sein Posting.

Solch einen Gerüchte-Tsunami ist gar nicht im Sinne der Chinesen. Russland und China sind eng verbunden, militärisch wie wirtschaftlich. Nichts soll diese Verbindung trüben, schon gar nicht ein Gerücht über einen Staatschef, der der Frau des anderen schöne Augen macht. Peng Liyuan ist keine Politikerin. Sie ist ein Star. Ihre Garderobe, ihre Frisur und ihre graziösen Auftritte werden in China wilder diskutiert als die Auftritte sämtlicher First Ladies vor ihr. Vielleicht waren die Zensoren einfach nur besorgt um ihren Ruf als makellose Modeikone.

Putin dürfte die Tragweite seines Fauxpas nicht ermessen, wie Experten vermuten. „Es ist in Russland Tradition, dass ein Ehrenmann Damen in der Öffentlichkeit Respekt zollt, und in einem kalten Land wie Russland ist es ganz normal, dass ein Gentleman Damen hilft, den Mantel an- oder auszuziehen“, weiß Li Xin, Russlandexperte am Institut für Internationale Studien in Shanghai. „Aber die Chinesen sind daran vielleicht nicht gewöhnt.“