Rückkehr

„Höllenritt durch die Atmosphäre“

Alexander Gerst kehrt von der Raumstation ISS heim. Er freut sich auf Pizza und Waldläufe

Für Deutschlands Mann im All wurde der obligatorische Apfel in Kasachstan bereitgelegt. Traditionell überreichen Helfer Rückkehrern von der Internationalen Raumstation ISS nach der Landung Obst als schmackhaften Willkommensgruß. Neben Astronaut Alexander Gerst wurden der Russe Maxim Surajew und der Amerikaner Reid Wiseman in der baumlosen Weite Zentralasiens erwartet. Auf 4:56 Uhr mitteleuropäischer Zeit heute Morgen war die Landung mit einer Sojus-Raumkapsel bei Arkalyk in Kasachstan geplant. Danach stand für Gerst ein Weiterflug nach Köln an.

Beim dortigen Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) soll er zunächst in der Forschungsanlage betreut werden. Wie lange der 38-Jährige in Köln bleibt, hängt davon ab, wie schnell er sich von mehr als fünf Monaten in der Schwerelosigkeit erholt.

Am letzten Wochenende im Kosmos genoss Gerst noch einmal die Aussicht vom ISS-Beobachtungsmodul. „Die Schönheit der Erde erkenne ich in einer Minute, ihre Zerbrechlichkeit sogar auf den ersten Blick“, twitterte er. Packen musste er nicht mehr: Seine Ausrüstung war kürzlich mit einem US-Raumtransporter zur Erde geschwebt.

Die Landung in der schwer zu manövrierenden Raumkapsel gilt technisch als extrem anspruchsvoll – auch, weil es in der Sojus „so eng ist wie zu dritt in einer Telefonzelle“, sagt der Astronaut Thomas Reiter. Er denkt mit Grauen an seine Heimreise 1996 zurück. Einen „Höllenritt durch die Atmosphäre“ habe er damals erlebt, meint Reiter. Er spricht von „einem der schwierigsten Manöver in der bemannten Raumfahrt“, bei dem die Kapsel von 28.000 Kilometer pro Stunde in der Erdumlaufbahn auf Tempo 0 gebremst wird.

Für den Geophysiker ist es der vorläufige Schlusspunkt einer 166-tägigen Reise durchs All. Auf der Erde wird es für ihn noch einige Monate lang weitergehen: Ärzte untersuchen zunächst, wie sich die Zeit in der Schwerelosigkeit bei mehr als 2500 Erdumrundungen auf den Körper des Raumfahrers ausgewirkt haben. Das Wissen soll Aufschluss darüber geben, wie Menschen sich auf einen möglichen Marsflug vorbereiten müssen. Und obwohl Gerst als topfit gilt, ist eine intensive Erholungskur vorgesehen: Denn im All bilden sich unter anderem die Muskeln zurück, und die Wirbelsäule streckt sich.

Doch was außer Blutwerten und Knochentests bleibt noch von der etwa 80 Millionen Euro teuren Mission? Das DLR und die Europäische Raumfahrtagentur verweisen vor allem auf etwa 100 Experimente an Bord des fliegenden Labors. Viele wissenschaftliche Erkenntnisse würden den Alltag auf der Erde verbessern, meint DLR-Chef Jan Wörner. „Fernsehen, Kommunikation, Wettervorhersage“, sagt er. Gerst sieht noch einen weiteren Sinn: „Der Blick aus dem All hilft, die Verwundbarkeit unserer Heimat zu verstehen. Die Erde ist nur eine kleine Kugel aus Stein mit einer hauchdünnen Atmosphäre.“

Seit seinem Nachtstart zum Außenposten der Menschheit Ende Mai hat der Mann aus Künzelsau (Baden-Württemberg) auf der Erde einiges verpasst, etwa die Weltmeister-Euphorie in Fußballdeutschland. Stattdessen hat der 38-Jährige andere spektakuläre Dinge erlebt, zum Beispiel einen Einsatz im freien Kosmos. Als erster Deutscher seit sechs Jahren verließ er die ISS zu sechsstündigen Arbeiten. Für ihn war das die „mit Abstand eindrucksvollste Erfahrung meines Lebens“.

Bereit für die nächste Mission

Gerst war der elfte Deutsche im Weltraum. Keiner seiner Vorgänger ließ die Menschen auf der Erde so an seiner Mission teilhaben. Fast täglich verbreitete Deutschlands Mann im All seine Eindrücke per Twitter: Fotos von Städten, dem Leben auf der ISS oder seine Gedanken. „In mondlosen Nächten kommt es mir manchmal so vor, als hinge die Erde wie eine monströse schwarze Kugel über mir“, heißt es dort etwa.

Wann Gerst das erste Mal wieder in seine Heimatstadt im Hohenlohekreis kommt, steht noch nicht fest. Bürgermeister Stefan Neumann hat ihm aber eine große Willkommensparty versprochen. Der Astronaut freut sich jedenfalls auf die Normalität, etwa auf eine Pizza und einen Lauf im Wald. Wehmut verspürt er trotzdem: Er werde vieles vermissen aus seiner Zeit in der Schwerelosigkeit, meint der Mann mit dem kahl geschorenen Kopf – zum Beispiel Rückwärtssalto beim Zähneputzen.

Wann der nächste Deutsche ins All fliegt, hängt auch vom Schicksal der Raumstation ab. Bisher gilt der Betrieb bis 2020 als gesichert. Gerst kann sich eine erneute Himmelfahrt aber vorstellen: „Letztendlich ist es nicht meine Entscheidung – doch sollte man es mir anbieten, stehe ich selbstverständlich mit Freude zur Verfügung.“