25 Jahre Mauerfall

„Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“

Willy Brandts Worte an die Berliner sind legendär. Kurios an ihnen ist nur, dass diese am 10. November 1989 so gar nicht gefallen sind

Zu den Turbulenzen nach dem 9. November gehört eine komplett verunglückte Veranstaltung vor dem Schöneberger Rathaus am Abend danach. Viele werden noch das Pfeifkonzert in Erinnerung haben, das sich die vor dem Rathaus stehenden Spitzenpolitiker anhören mussten. Kanzler Helmut Kohl, Abgeordnetenhauspräsident Jürgen Wohlrabe, Außenminister Hans-Dietrich Genscher, Berlins Regierender Bürgermeister Walter Momper und Altkanzler Willy Brandt sangen die Nationalhymne schaurig schief und waren aufgrund der Buhrufe und Johlereien auch kaum zu verstehen.

Während sich die meisten Anhänger der Union zu deren offizieller Kundgebung an der Gedächtniskirche eingefunden hatten, war die Menge vor dem Schöneberger Rathaus links-alternativ gestimmt – und stand der Einheit skeptisch gegenüber. Die Sitzung des Abgeordnetenhauses war auf den Platz übertragen worden, was dann auch gleich für Unmut sorgte. „Eberhard Diepgen“, schreibt Wilfried Rott in seinem Buch „Die Insel“, „trat pathetisch in die Fußstapfen von Ronald Reagan und forderte Egon Krenz auf, das Brandenburger Tor zu öffnen. Der von der CDU vorgeschlagene Resolutionstext, der auf einem Brief von Willy Brandt aus dem Jahr 1972 beruhte, stieß auf Widerstand der Alternativen Liste, weil in ihm von der Einheit die Rede war.“

Willy Brandt und die deutsche Einheit – noch so eine Sache, die vom Abend dieses unruhigen 10. November im Gedächtnis geblieben ist. Genauer: das Zitat, wonach jetzt „zusammenwächst, was zusammen gehört“. Seltsam daran ist nur, dass Brandt das an diesem Abend auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses gar nicht gesagt hat. Auch wenn man es im nachher veröffentlichten Redemanuskript einwandfrei nachlesen kann.

Doch der Reihe nach: Willy Brandt kommt am Vormittag des 10. November in Berlin an. Der Reporter Frank Langrock interviewt ihn. „Mit dem heutigen Tag“, fasst Langrock in der Berliner Morgenpost zusammen, „sei man nahe an einem Punkt, an dem die Menschen wieder zusammenkommen. Man befindet sich jetzt in einer Situation, in der ‚wieder zusammenwächst, was zusammengehört.‘“ Da ist sie also, die berühmte Formel, die heute in kaum einem historischen Rückblick fehlen darf. Dass in ihr, wenngleich in typisch Brandtscher Vagheit, auch eine Vorhersage der deutschen Wiedervereinigung enthalten ist, fällt den Beteiligten jedoch erst später auf. Die SPD druckt es dann auf Plakaten und Flugblättern, und irgendwie macht sich in den darauffolgenden Jahren die Überzeugung breit, er habe sie bei der Schöneberger Kundgebung geäußert. Dass das nicht stimmt, fällt zuerst Bernd Rother auf. Er ist Archivar und Experte bei der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung und hört sich gut zehn Jahre nach dem historischen Abend den Mitschnitt noch einmal genau an. Das Zitat kommt nicht vor. Rother stellt eine Anfrage beim SPD-nahen Dietz-Verlag und findet heraus, dass Brandt den Satz im Nachhinein in das Manuskript seiner Berliner Rede eingefügt hat. Er sei sich sicher gewesen, ihn gesagt zu haben, aber wo und wann, das habe er nicht mehr so genau gewusst.

Man darf ihm das nicht verübeln. Denn erstens stammt der Satz ja tatsächlich von ihm. Und zweitens ist es guter Brauch, dass Redner den Wortlaut ihrer Ansprachen für die Nachwelt redigieren. Nur muss dann allen klar sein, dass man es nicht mit einer authentischen Momentaufnahme zu tun hat, sondern mit einer späteren Interpretation des Geschehens. Dass die charismatischste Figur der westdeutschen Sozialdemokratie an jenem Abend die Wiedervereinigung prophezeite, mag der SPD vielleicht ein wenig Balsam auf der Seele sein. Es war nur leider nicht der Fall.

Das Bild des Zusammenwachsens hatte Brandt in diesen Tagen auch meistens auf die europäische, nicht auf die deutsch-deutsche Einigung gemünzt. Jahrzehnte zuvor, im Sommer 1958, hatte es der damalige Regierende Bürgermeister einmal auf Berlin bezogen. Da war die U-Bahnlinie 6 verlängert worden und fuhr nun, aus dem Süden kommend, unter dem damaligen Ost-Berlin hindurch nach Tegel. Brandt weihte das neue Teilstück ein und machte seiner Hoffnung Luft, „dass eines Tages zusammengefügt sein wird, was zusammengehört“.

31 Jahre später sollte es soweit sein.