Verbraucher

Viele Menschen in Berlin sind überschuldet

Konsum auf Pump: 13 Prozent können ihre Rechnungen nicht bezahlen

In Deutschland steigt die Zahl der überschuldeten Verbraucher: 6,7Millionen Menschen konnten am Stichtag 1. Oktober 2014 ihre Schulden nicht mehr bezahlen, wie aus dem am Donnerstag in Neuss vorgestellten Schuldneratlas hervorgeht. Das waren 90.000 (1,4 Prozent) mehr als im Vorjahr. Zuletzt hatte die Überschuldung stagniert. Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform warnte, dass die Kinder von Schuldnern oft ebenfalls finanzielle Probleme hätten.

Die Schuldnerquote stieg in Deutschland von 9,81 auf 9,9 Prozent. Am höchsten lag sie mit 13,95 Prozent in Bremen, gefolgt von Berlin (13,02), Sachsen-Anhalt (12,57) und Nordrhein-Westfalen (11,46). Die niedrigste Verschuldung gab es in Bayern mit sieben Prozent. Auch in Baden-Württemberg (8,02), Thüringen (9,07) und Sachsen (9,31) lag die Quote unter dem Bundesdurchschnitt. In 13Bundesländern steigt die Schuldnerquote, in Bayern ist sie konstant – und nur in Berlin und Hamburg sinkt sie. In Berlin steigen zwar die Schuldnerzahlen– aber die Quote sinkt, weil die Stadt wächst.

Im Schnitt hatten die Betroffenen offene Rechnungen in Höhe von 32.600Euro. Die Gesamthöhe der Verbindlichkeiten aller überschuldeten Bürger zusammen lag bei 217,8 Milliarden Euro. Bei etwa 3,89 Millionen Überschuldeten handelt es sich nach Angaben von Creditreform um „harte“ Fälle, deren Zahl seit 2006 ständig ansteige. Auch die Zahl der überschuldeten Menschen unter 30 Jahren und der Senioren über 70 Jahre mache Sorgen, hieß es. Bei den unter 30-Jährigen können 1,75 Millionen ihre Schulden nicht mehr bezahlen, bei den über 70-Jährigen sind es aktuell 134.000. Für das kommende Jahr erwartet Creditreform weiter steigende Zahlen.

Experten sprechen von Kaufrausch

Als Grund für die vielen schweren Überschuldungsfälle nennen die Studienautoren einen Kaufrausch auf Pump in den vergangenen Jahren: „Die Inanspruchnahme des Privatkonsums zur Konjunkturstützung und Wirtschaftsbelebung“ zeige zeitversetzt Folgewirkung. „Harte Überschuldung steigt überdurchschnittlich“, formulieren die Autoren. Viele der Menschen, die in den vergangenen Jahren „durch Konsumverschuldung verursachte erste nachhaltige Zahlungsstörungen“ aufgewiesen hätten, seien mittlerweile in eine „anhaltende Schuldenkrise“ geraten.

Die Analyse von Creditreform: „Ihnen ist es offensichtlich nicht gelungen, bei sich eintrübenden ökonomischen Rahmenbedingungen eine Balance zwischen Anschaffungs- und Sparneigung zu halten und dauerhaft ihren Zahlungsverpflichtungen nachzukommen.“ Verbraucher hätten die vergleichsweise positiven ökonomischen Rahmenbedingungen der letzten Jahre oft genutzt, um vorhandene Konsum- und Anschaffungswünsche zu realisieren oder Konsum nachzuholen.

2013 haben Verbraucher laut Statistischem Bundesamt (Destatis) 1,57 Billionen Euro für privaten Konsum ausgegeben. Im europäischen Vergleich bewertet Destatis diesen (nominalen) Anstieg um 2,5 Prozent zum Vorjahr als überdurchschnittlich. Fast ein Viertel der Konsumausgaben der privaten Haushalte in Deutschland ist im Jahr 2013 für Wohn- und Wohnnebenkosten draufgegangen(24,4 Prozent).

Auch wenn ein Konsumrausch nicht zwangsläufig in die Schuldenfalle führe, so sind nach der Analyse der Experten viele Verbraucher vor allem in der Unterschicht und unteren Mittelschicht nicht mehr in der Lage, langfristig die daraus entstehenden finanziellen Lasten zu stemmen. Traditionell sind weniger Frauen unter den Schuldnern zu finden – und sie stehen zudem auch weniger tief in der Kreide. Doch holt das weibliche Geschlecht auf. 2,56 Millionen Frauen sind in Deutschland aktuell überschuldet, das sind 48.000 Überschuldungsfälle mehr als im Vorjahr. Im Gegensatz dazu sind 4,12 Millionen Männer betroffen (plus 41.000 Fälle).

Die Überschuldungssituation habe sich im Laufe der letzten zwölf Monate bis zum Stichtag kontinuierlich angespannt– das zeigten die regelmäßigen Zwischenstandsanalysen, attestiert Creditreform. Bereits im vergangenen Jahr hatte die Wirtschaftsauskunftei ihre „Überschuldungsampel“ auf hellrot gestellt. Dieses Jahr folgte dunkelrot. Allerdings bleiben die aktuellen Zahlen etwas hinter dem pessimistischen Ausblick des Vorjahres zurück. Für 2014 rechneten die Experten mit einem Anstieg der Verschuldungsquote von einem Wert von damals 9,81 Prozent auf „um die zehn Prozent“. Bei 9,9 Prozent stockt die Schuldnerquote kurz darunter.