Literatur

Eine Herzensangelegenheit

Mit seinem neuen Buch will Altkanzler Helmut Kohl das krisengeplagte Europa wachrütteln

Ein Regenmontag in Frankfurt-Sachsenhausen, ein Tag mit Mutmaßungen über Wladimir Putins Absichten in der Ost-Ukraine. Helmut Kohl sitzt in der Villa Kennedy auf einem Podium und redet. Er wirkt stabiler, als manche Fotos und manche Schilderungen nahelegen könnten. Er spricht anfangs klar verständlich, er hat seinen tiefen Bariton zurückgewonnen, vielleicht liegt das auch an diesem Thema. Kohl stellt ein Buch über Europa vor, seinen „Appell“, entstanden zusammen mit seiner Frau Maike Kohl-Richter.

In dem Buch sind Sätze zu lesen sind wie diese: „Die ganze Debatte, die sich in den vergangenen Jahren bis an den aktuellen Rand in und um Europa offenbart, ist erschreckend – erschreckend mutlos, erschreckend rückwärtsgewandt, erschreckend unhistorisch.“ Es geht Kohl auch um manche Fehler, natürlich, gerne auch um Fehler der rot-grünen Nachfolgeregierung, die frühe Hereinnahme Griechenlands in den Euro oder den Bruch mit Amerika über dem Irakkrieg 2003. Aber vor allem geht es ihm um die große Perspektive, um den Mut, etwas zu wagen – und um Geduld. Viel Geduld mit der Geschichte, Geduld mit Prozessen, Geduld mit manchen Fehlentwicklungen, Geduld mit manchen Personen.

Putin zum Beispiel. Zu ihm, zur Lage um die Ukraine sagt Kohl: „Wir müssen erst mal abwarten, wie die Entwicklung am Ende weitergeht. Ich kann das jetzt nicht vorhersagen. Aber Präsident Putin ist einer von denen, die denken können. Wir werden am Ende die richtige Richtung finden.“ Kohl spricht etwas leiser als zu Beginn seiner Ausführungen und etwas undeutlicher. Manche Wörter sind für seine Zunge zu kompliziert zu formulieren. Aber sein Blick ist konzentriert. Er passt zu Passagen in seinem Buch wie dieser: „Diese Geschichtslosigkeit, diese Mutlosigkeit und dieser Kleinmut, diese Ängstlichkeit, auch Angst um lieb gewordene Besitzstände, diese Leichtfertigkeit, manche Übertreibung und Selbstgefälligkeit, diese Unkenntnis oder Verleugnung zum Teil der einfachsten Zusammenhänge“ – es ist eine Philippika gegen Menschen, die nicht begreifen wollen, dass Europa mehr sei als kurzfristige Bankenbilanzen.

Die Laudatio hält der Luxemburger Jean-Claude Juncker. An seinem ersten Arbeitstag als Präsident der Europäischen Kommission ist er zu Kohl gekommen. Juncker sagt dazu: „Das ist gescheit, wie die Österreicher sagen.“ Er habe kürzlich zwei europäische Politiker erwähnt, „Jacques Delors, den ich Donnerstag sehe, und Helmut Kohl, ein großer Europäer und ein guter Freund. ,Ein großer Europäer‘ ist eine objektive Feststellung, das andere nicht.“ Juncker lässt nicht den geringsten Zweifel daran, dass er Kohls Freund und Verbündeter ist und gerne wohl auch als Erfüller der Träume Helmut Kohls gelten würde.

Zu Russland sagt Juncker, Russland bleibe ein wichtiger Partner der Europäischen Union. Erfolgreiche Sicherheit ist ohne Russland nicht möglich. „Was nicht heißt, dass man Völkerrechtsbruch widerspruchs- und regungslos hinnehmen muss.“ Man müsse zu Russland „ein normales Verhältnis wiederfinden, wenn sich die Lage vor Ort wieder normalisiert hat.“

Kohls Buch, sagt Juncker in seinem melodischen, letzeburgischen Deutsch, „fängt gemütlich an, es bleibt aber nicht gemütlich.“ Die ersten Sätze lauten in der Tat: „Es ist ein lauer, ruhiger Sommerabend im August 2014. Ich sitze auf meiner Terrasse und denke – das Stück der Berliner Mauer, das in meinem Garten steht, immer im Blick – darüber nach, wie es weitergeht in Deutschland und Europa, denke nach über die aktuelle Lage, über unser Verhältnis zu Amerika auf der einen Seite und zu Russland auf der anderen Seite“ und so fort.

Juncker folgt Kohls Weltbeschreibung nicht bedingungslos. „Es gibt Passagen, die man widerspruchslos hinnehmen kann, es gibt Passagen, die Nuancen erfordern.“ Bei Griechenlands Euro-Aufnahme zum Beispiel müsse man die Dinge „im Kontext sehen. Wir haben Griechenland nicht zur ersten Euro-Runde zugelassen, weil es nicht reif war. Die Griechen haben dann erhebliche Anstrengungen unternommen. Wir sind Opfer geworden einer falschen statistischen Darstellungsweise. Dieser Fehler wird uns nicht mehr passieren, wir haben Eurostat mit den Befugnissen ausgestattet.“

Kohl und er seien sich einig, „dass es gefährlich ist, dass alte Ressentiments wieder hochkochen. Ein Vorgang, von dem ich nicht dachte, dass er wieder die Schlagzeilen bestimmen würde.“ Kohl sei kein Mensch der Ressentiments. Kohl habe es mit Churchills Satz gehalten: Was die Würde anbelangt, sind alle europäischen Länder gleichberechtigt.

Kohl sagt zum Schluss einige wenige Sätze. „Dieses Buch ist ein wichtiges Buch in einer ganz schwierigen Zeit. Ich bin sehr froh, dass ich es schreiben konnte.“ Noch sei es nicht zu spät in Europa. „Es ist höchste Zeit, dass wir Europa wieder wahrnehmen. Wir brauchen mehr europäischen Gemeinsinn und Gemeinschaftsgeist. Den Weg mit Mut und Entschiedenheit vorangehen, dann wird Europa auch wieder Herzensangelegenheit sein. Ich bin sehr froh, das Wort Herzensangelegenheit zu verwenden.“