Vortrag

Hier betete die Kanzlerin schon als Mädchen

Pastorentochter Angela Merkel spricht in ihrer Heimat Templin über christliche Werte

Sie kennt die schlichte Maria-Magdalenen-Kirche im brandenburgischen Templin wie kein anderes Gotteshaus. Hier ist Angela Merkel als Mädchen zur Christenlehre gegangen, hier ist sie konfirmiert worden. Heute besucht die Kanzlerin die Gottesdienste in dem 1749 auf den Ruinen mittelalterlicher Vorgänger errichteten Bau nicht mehr, obwohl sie manches Wochenende in ihrem nahe gelegenen Ferienhaus verbringt. Merkel, die nach eigenen Angaben regelmäßig betet, hat einmal erzählt, sie meide Kirchen, da die Menschen auch dort auf sie schauen würden.

Nachdem ihr Vater vor drei Jahren gestorben war, ging sie noch einmal in die Maria-Magdalenen-Kirche. In der Woche nach der Bestattung betete die Gemeinde für den Theologen Horst Kasner. Pfarrer Ralf-Günther Schein nimmt das als Beleg, dass Merkel sich der Gemeinde noch verbunden fühlt. Der Geistliche mit den grauen Haaren und einem markanten dunklen Schnauzer kennt die Familie. Den Vater trug er zu Grabe, bei der Mutter ist er regelmäßig zu Gast.

Nun hat der Templiner Pfarrer Merkel eingeladen, nicht zur Predigt, sondern zum Vortrag. Am Freitagabend sprach die Kanzlerin über „Reformation und Politik“. Die wenigen Ostdeutschen, die Christen geblieben sind, feiern an diesem Tag den Reformationstag. Beim Besuch der Kanzlerin ist die Kirche voll geworden. Wenn auch nicht überfüllt. Jeder findet einen Platz. Nach einem Gottesdienst, an dem sie selbst nicht teilnimmt, erklärt Merkel in einem nur 20-minütigen Referat ihre Politik aus ihrem Glauben. Dem nähert sie sich, indem sie Fragen stellt. Beim Spannungsfeld Außenpolitik und Menschenrechte etwa überlegt sie, ob sie das Recht habe, als Regierungschefin eine Amtskollegin auf offener Bühne zu kritisieren.

Und in vielen Fragen argumentiert Merkel eher unpräzise. So rechtfertigt sie die Waffenlieferungen an die kurdischen Peschmerga mit dem Argument: „Die Jesiden in Deutschland haben uns aufgerufen, sozusagen einen Genozid abzuwenden.“ Sozusagen? Droht im Nordirak ein Völkermord? Oder behaupten das nur die Jesiden?

Mutig und klar spricht Merkel hingegen über ihre Flüchtlingspolitik. Die Abschiebung in sichere Herkunftsländer sei „auf den ersten Blick vielleicht nicht christlich“, aber „es ist vielleicht noch weniger christlich, wenn wir zu viele aufnehmen und dann keinen Platz mehr finden für die, die wirklich verfolgt sind“.

Merkel bleibt zwar oft vage, aber ihre Freundlichkeit und ihr unprätentiöses Wesen kommen bei den Besuchern gut an. Stehend applaudieren sie Merkel zum Abschied. Die Gemeinde trifft sich noch zu „Schmalzbroten und Lutherbier“. Die an einer Erkältung leidende Kanzlerin lässt sich da schon in ihr Wochenendhaus fahren.