Kommentar

Ein kleines Hurra auf das Leben

Andrea Seibel über Allerseelen und das Gedenken der Toten

Allerseelen. Gedenken der Toten. Es gibt sie noch, die Friedhöfe landauf, landab. Und mit ihnen die Gräber, die an diesem Sonntag mit „ewigen Lichtern“ geschmückt werden, um den Toten wie den Lebenden zu signalisieren, dass das innere Band nicht zerrissen ist.

Wer einen Sinn für Friedhöfe hat, wird feststellen, dass nicht nur in ländlichen Räumen Menschen manchmal noch Jahrzehnte nach dem Ableben der oder des Liebsten ihre Botschaften hinterlassen. Wer zu einem Grab geht, verspürt, dass es ein besonderer Besuch ist. Hoffentlich verlernt ihn die digitale Gesellschaft nicht.

Allerheiligen, Allerseelen. Die ersten beiden Novembertage sind in der christlichen Kultur dem Gedenken an die Toten gewidmet. Ob das der jungen Amerikanerin Brittany Maynard bewusst war, als sie verkündete, am 1. November im Kreis der Familie den Freitod zu wählen? Wenige Monate zuvor hatte man der 29-jährigen Frau eröffnet, dass sie an einem unheilbaren Hirntumor leide. Nach einer nicht erfolgreichen Operation hatte die seit einem Jahr Verheiratete die Chemotherapie verweigert und nur im Selbstmord einen Ausweg gesehen. Wie in vielen Ländern wird auch in Amerika Sterbehilfe heftig debattiert, in Bundesstaaten wie Oregon, in den Maynard zog, ist sie bereits erlaubt.

Brittany Maynard hat sich nicht umgebracht. Sie hat sich entschieden, weiterzuleben. Zwar bleibe der Freitod weiter ihre ureigenste Entscheidung – und sie zeigt in einem Video die Tabletten, über die sie verfügt. Aber der Tag sei nicht „in Stein gemeißelt“. Man mag die öffentliche Ankündigung des eigenen Freitodes kritisieren. Die Frau ist jung, will ein Zeichen setzen. Aber ist in ihrer Situation nur der Selbstmord ein würdevolles Ende?

Aus der todkranken Frau spricht nun leiser Zweifel. Ihr Leben, das hatte auch ihr ärgster Kritiker, ein Palliativmediziner, vorhergesehen, sei doch weiter für sie lebenswert. Sie würde spüren, wie es sei, noch einen Tag am Leben zu bleiben. Und dann noch einen. Ihre Entscheidung ist ein kleines Hurra des Lebens im Angesicht des großen schwarzen Lochs Tod, aus dem es kein Zurück gibt.