Amtsantritt

Allein gegen das Böse

Giuseppe Falcomatà hat der Mafia in Kalabrien den Kampf angesagt. Der mutige Bürgermeister ist erst 31 Jahre alt

Giuseppe Falcomatà ist jung, schön und sehr elegant – wie man sich einen attraktiven Italiener eben vorstellt. Er hat ein strahlendes Lächeln, einen federnden Gang. Höflich begrüßt er seine Besucher. Doch dann ist er schlagartig anders, sehr ernst, die Augen gehen auf Distanz, sezieren, als müsste er blitzschnell Daten verarbeiten.

Seit Mittwoch ist der erst 31-jährige Politiker neuer Bürgermeister seiner Heimatstadt Reggio Calabria, die tief im Süden Italiens in der Region Kalabrien liegt. Sein politischer Gegner ist ein lebensgefährlicher Feind: die ’Ndrangheta, heute eine der mächtigsten Mafia-Organisationen der Welt. Sie regiert in Kalabrien und hat an vielen Orten der Region die staatliche Gewalt untergraben oder ersetzt. Sie kontrolliert von hier auch ein Verbrecher-Imperium in fünf Kontinenten, macht mit Drogen- und Waffenhandel, Erpressung und Geldwäsche Umsätze, die geschätzt ein Zehntel von Italiens Bruttosozialprodukt ausmachen.

Ein lebensgefährdender Job

Giuseppe Falcomatà weiß, dass er dieser ’Ndrangheta den Kopf nicht abschlagen kann. Aber er möchte wenigstens seine Stadt aus ihren Klauen befreien, die sie zu ersticken drohen. „Meine Vorgänger haben die Politik und öffentliche Gelder als Privatsache angesehen“, sagt er. Sie hätten sich selbst bedient und nicht die Stadt und dafür in Kauf genommen, „dass die ’Ndrangheta sie bei den Wahlen unterstützte“, oder, noch schlimmer: direkt Einzug in die Stadtregierung hielt. Vor zwei Jahren war dieser bis dahin unvorstellbare Höhepunkt politischer Korruption und mafiöser Arroganz in Reggio Calabria erreicht: Zum ersten Mal war die Mafia, vor den Augen der Öffentlichkeit, in die Regierung einer italienischen Provinzhauptstadt eingedrungen. ’Ndrangheta-Leute hatten in der Geschäftsführung städtischer Betriebe Platz genommen. Die Regierung in Rom setzte einen Zwangsverwalter auf den Stuhl des letzten Bürgermeisters von Reggio Calabria.

Dass der junge Falcomatà nun endgültig mit diesem System Schluss machen will, könnte lebensbedrohlich sein. Aber er hat keine Angst, erklärt schlicht: „Die Stadt würde total veröden, wenn wir alle nur weglaufen.“ Statt heroischer Ziele verfolgt er ein simples Rezept, das er die „Revolution der Normalität“ nennt. Auch er selbst will ganz normal weiterleben, in der Freizeit Fußball spielen, wenn er sie hat. Wie genau seine Revolution aussehen soll, will er auf den Straßen der Stadt mit seinen knapp 200.000 Einwohnern erklären.

Auf der Strandpromenade hat eine Gruppe Demonstranten den Verkehr lahmlegt. Langzeitarbeitslose, die seit Monaten keine Sozialhilfe mehr bekommen. In Reggio Calabria sind über 50 Prozent der Menschen ohne Arbeit. Die Leute rufen Falcomatà „Viva Beppe!“ entgegen, applaudieren, umarmen ihn, obwohl sie wissen, dass er nichts mehr zu verteilen hat und es auch nicht tun würde. Was wollen sie dann?

„Die Bürger brauchen Licht, fließendes Wasser, Straßen, Verkehrsmittel, Kindergärten“, erklärt der Bürgermeister. Dinge wie Umweltsanierung und Aufwertung von Kunstschätzen, um den Tourismus anzukurbeln, wirken wie Fernziele. In Reggio Calabria gibt es einen der weltweit besten Strände für Kitesurfer. Aber erst einmal „müssen wir den Leuten eine normale Existenz zurückgeben.“ Denn normal ist in Reggio Calabria so gut wie nichts.

Wie es aussieht, wenn Mafia und Korruption jahrzehntelang wüten? Das kann man in der Stadt sehen. Wo früher die Zitronen blühten, hat zügellose Bauwut Wunden aus Zement in die grünen Hügel geschlagen, die vom Meer hinauf ins Gebirge steigen. Ein verlorenes Paradies am blauen Mittelmeer, wo Millionen römischer und europäischer Fördermittel in den Taschen von Kriminellen verschwunden sind. Aus den Wasserhähnen der Häuser fließt eine stinkend-salzige Brühe, aufbereitetes Meerwasser. An der Strandpromenade herrscht wegen starker Verschmutzung durch Kloaken seit Jahren Badeverbot. Die meisten Straßen sind gesäumt von Müll und Dreck, gezeichnet von tiefen Schlaglöchern. Warum „Licht anmachen“ für Falcomatà schon eine Revolution ist, wird hier deutlich. Nachts sind viele Straßen stockduster.

Noch schlimmer ist es an der nördlichen Peripherie von Reggio Calabria in der Trabantenstadt Argilla, wo die ganz Armen, viele Kriminelle, Roma leben, die der frühere Bürgermeister Giuseppe Scopelliti aus der Altstadt hierher deportierte. Der Berlusconi-Freund wurde mittlerweile für Mafia-Kollusion verurteilt. Hohes Gestrüpp wuchert hier, nackte Zementruinen stechen hervor. Alte Frauen, Schwangere und Kinder laufen in der Mittagshitze am Straßenrand, denn es gibt nur einmal am Tag einen Bus in die Stadt. Ein Amphitheater dient tagsüber Dealern als Marktplatz, nachts den Prostituierten als Straßenstrich.

Das Elternhaus stand in Flammen

Staatsanwalt Nicola Gratteri sagt, die wirtschaftliche Misere macht viele zu stummen Mitläufern. Gratteri ist froh über die Wahl von Falcomatà. Aber ob der junge Mann es allein mit dieser Mafia aufnehmen kann?

Falcomatà hat Antikörper. Er gilt als brillanter Jurist, hat mit einer Arbeit über die Konfiszierung von Mafia-Gütern in Bologna habilitiert. Vor allem kennt er seinen Feind seit der Kindheit. Schon Vater Italo war in den 90er-Jahren Bürgermeister von Reggio Calabria gewesen und hatte versucht, die Mafia zu bekämpfen. Eines Nachts stand Giuseppes Elternhaus in Flammen. Die Familie lebte fortan eskortiert von Sicherheitspersonal.

Vater Falcomatà starb 2001 an einem Tumor – und die Mafia kehrte für viele Jahre in die vorderste Reihe der Politik zurück. Als Falcomatà junior am Mittwoch sein Amt antrat, stand seine Schwester Valeria im Prunksaal des Rathauses und weinte. „Im Namen des Vaters“, sagt Falcomatà, trete er jetzt an, „aber nicht, weil er mein Vater war, sondern ein wichtiges, das einzige Vorbild für alle.“