Nahost-Konflikt

Kampf um den Tempelberg

Sicherheitslage nach Anschlag auf jüdischen Aktivisten Yehuda Glick in Jerusalem angespannt

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu hat zum zweiten Mal in sieben Tagen angeordnet, Jerusalems Polizei mit Hunderten Beamten zu verstärken. Denn als vor einem Jahrzehnt während der zweiten Intifada Tag für Tag Attentate in Israels umstrittener Hauptstadt begangen wurden, war es hier so brenzlig wie heute. Tag für Tag kommt es zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen der Polizei und gewaltbereiten arabischen Jugendlichen.

Angriffe auf israelische Fahrzeuge mit Steinen, Brandsätzen und Feuerwerkskörpern gehören seit dem Sommer zum Alltag. Doch nun schloss Israels Polizei zum ersten Mal seit 1967 den Tempelberg, der Juden und Muslimen heilig ist, um weitere, religiös motivierte Ausschreitungen zu verhindern. Juden wähnen hier den Standort des Tempels, Muslime beten hier in der Al-Aksa-Moschee, dem drittheiligsten Ort des Islam.

„Heilige Orte“

Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas nannte den Beschluss eine „Kriegserklärung“. Dabei hatte er erst gestern noch ganz anders getönt. Im Interview eines israelischen Fernsehsenders hatte er Israels Bevölkerung ermutigt, ihre Regierung zu zwingen, Verhandlungen mit den Palästinensern aufzunehmen: „Ich sage dem israelischen Volk: Wenn ihr mit uns Frieden macht, werden wir zusagen, und 57 andere arabische und muslimische Staaten würden Israel sofort anerkennen und die Beziehungen mit Euch normalisieren.“

Er strebe keine weitere Intifada an, beteuerte Abbas: „Ich habe meinen Leuten gesagt: Dies sind unsere heiligen Orte, und wir wollen, dass es da ruhig bleibt.“ Erst in der vergangenen Woche hatte Abbas dazu aufgerufen, „alles in Eurer Macht stehende zu tun“ um zu verhindern, dass Juden durch ihre Präsenz den Tempelberg „entweihen“. Der 32 Jahre alte Muatas Hijazi aus Ostjerusalem nahm Abbas Aufruf zum Krieg scheinbar ernster als dessen Friedensangebot. In der Nacht zum Donnerstag verübte Hijazi ein Attentat, das die Gewalt weiter anfachen könnte.

Geduldig wartete Hijazi auf seinem Motorrad, bis im Begin Center mitten in Jerusalem die alljährliche Konferenz der jüdischen Tempeltreuen beendet war. Er wusste, dass der Aktivist Yehuda Glick hier alljährlich einen Kongress organisiert, der den jüdischen Anspruch auf den heiligsten und umstrittensten Ort Jerusalems fördern soll. Ginge es nach Glick, dann würden Juden Tag für Tag auf dem Berg beten – sehr zum Unmut der Muslime, die den ganzen Hügel als Moschee betrachten, der einzig und allein ihnen dienen soll.

Seit Israel den Tempelberg 1967 im Sechstagekrieg eroberte, gilt hier ein komplexer Status Quo: Nominal herrscht hier Israel, de facto jedoch verwaltet die muslimische Stiftung des Wakf das Areal. Juden dürfen es nur betreten, aber nicht hier beten. Und genau dagegen kämpft Glick seit Jahren. Er führt fast täglich Gruppen auf den Berg, und ist in muslimischen Kreisen verhasst wie kaum ein anderer.

„Bist Du Yehuda Glick?“, fragte Hijazi den 50 Jahre alten Rabbiner, als der gerade Poster in den Wagen lud. Als der das bestätigte, zückte Hijazi eine Pistole und sagte: „Tut mir leid, aber Du machst mich wütend“. Dann schoss er Glick vier Kugeln in Brust, Bauch und Arm. Glick schwebt seither in Lebensgefahr. Wenige Stunden später spürte die Polizei Hijazi auf. Als Beamte sein Haus im Ostjerusalemer Stadtteil Abu Tor umstellten, eröffnete er das Feuer und wurde getötet. Die Polizei fand vor dem Haus das Motorrad, die Tatwaffe lag in der Wohnung. Hijazi war Mitglied der Terrorgruppe Islamischer Dschihad, die dessen Tat prompt lobte. Er saß elf Jahre in israelischer Haft, kam erst vor zwei Jahren frei.

Vor dem Hintergrund der Gewalt wächst der Druck auf Netanjahu. Parteigenossen warfen ihm vor, die Kontrolle über Israels Hauptstadt zu verlieren. Rechte Koalitionspartner verurteilten den Beschluss, den Tempelberg für Juden zu schließen: „Nun ist die Zeit, Juden endlich ohne Behinderung auf den Berg zu lassen“, forderte Bauminister Uri Ariel von der Siedlerpartei Habajit Hajehudi. „Der Terror hat einen Preis“, sagte der Abgeordnete Mosche Feiglin, ein enger Freund Glicks, der den Kugeln nur knapp entgangen war. Am Donnerstagabend – vor dem großen Freitagsgebet der Muslime – öffneten die israelischen Sicherheitskräfte den Tempelberg wieder. Verboten blieb der Zugang zu dem für Muslime heiligen Felsendom und der Al-Aksa-Moschee für jedoch weiter für muslimische Männer im Alter von weniger als 50 Jahren.

Polizei in Alarmbereitschaft

Es ist bereits das zweite Attentat in einer Woche. Genau wie diesmal soll auch der Attentäter vergangene Woche allein agiert haben. Ein Szenario, das die Polizei am meisten fürchtet: „Es gibt keinen Schutz vor Einzeltätern“, sagte der Minister für Innere Sicherheit Jitzchak Aharonovitz. Die Polizei in Jerusalem wurde in der Nacht mit mehreren Hundertschaften verstärkt, nachdem erst vergangene Woche bereits 1000 Beamte in die Hauptstadt verlegt worden waren.